Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon

Anneke, Mathilde Franziska

geb. Mathilde Franziska Giesler, gesch. von Tabouillot

* 3.4.1817 Gut Ober-Leveringhausen, Gemeinde Haßlinghausen in Westfalen (heute Sprockhövel), Deutschland, † 25.11.1884 Milwaukee, Wisconsin, USA; Grabstätte: ebd., Forest Home Cemetary Schriftstellerin, Publizistin, Frauenrechtlerin, Ordonnanzoffizierin im badisch-pfälzischen Krieg, Gründerin einer Schule für Mädchen, Lehrerin.

AA. erhält als erstes von zwölf Kindern eines hohen Verwaltungsbeamten der königlich-preußischen Güter, Karl Giesler, und seiner Frau Elisabeth, geb. Hülswitt, eine sorgfältige Erziehung und umfassende Bildung durch einen Privatlehrer. Dies und ihr schriftstellerisches Talent bilden die Basis für A.s spätere Berufstätigkeit u.a. als Journalistin, Schriftstellerin und Publizistin.

1836 heiratet A. den vermögenden Weinhändler Alfred von Tabouillot. Für sie und ihre Familie bedeutet die Eheschließung mit einem Adligen einen weiteren gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Jahr später wird die gemeinsame Tochter Johanna („Fanny“) geboren. 1843 wird die Ehe jedoch aus ungeklärten Gründen auf A.s Betreiben hin geschieden. Dies ist in der damaligen Zeit derart unüblich, dass die liberale Presse ausführlich darüber berichtet. Die Tochter wird der – vom Gericht für schuldlos befundenen – Mutter zugesprochen, die zudem geringe Unterhaltszahlungen erhält.

Für A. bedeutet die Scheidung den Bruch mit ihrem bisherigen Leben: Da ihre Eltern sie nicht unterstützen und sie in bürgerlichen wie adligen Kreisen fortan geächtet ist, muss sie sich und ihre Tochter weitgehend selbst finanzieren. Sie verfasst – beeinflusst durch ihr katholisch-konservatives Elternhaus – zwei Gebetbücher für Frauen, redigiert Almanache und gibt 1840 die Gedichtsammlung Heimatgruß heraus, in der neben eigenen Dichtungen auch Texte von Levin Schücking, Ferdinand Freiligrath, Nikolaus Lenau, Francesco Petrarca und Lord Byron zu lesen sind. 1842 publiziert A. einen Damenalmanach mit zeitgenössischer Dichtung, 1844 das an Goethes Tasso angelehnte Künstler- und Liebesdrama Oithono oder die Tempelweihe, das sowohl in Deutschland als auch in den USA aufgeführt wird. 1846 folgt das Buch Producte der Rothen Erde, eine Anthologie westfälischer Schriftsteller, in denen A. eigene kurze Geschichten publiziert sowie Dichtungen Freiligraths, Annette von Droste Hülshoffs und Friedrich von Sallets.

Obwohl A. – durch ihre Scheidung bekannt geworden – Feuilletonartikel und Gedichte für angesehene Blätter wie die Kölnische und die Augsburger Allgemeine Zeitung schreiben kann, lebt sie in ärmlichen Verhältnissen. Dass dies der Auslöser ihres gesellschaftspolitischen Engagements ist und die politische wie ästhetische Konzeption ihrer Dichtungen beeinflusst, konnte bislang nicht zweifelsfrei bewiesen werden.

Fest steht, dass sich A. nach 1842 zur Atheistin und Freidenkerin entwickelt, sie in Westfalen Kontakt zu liberalen, linksdemokratisch ausgerichteten Zirkeln – beispielsweise in Wesel – hält. In diesen Kreisen lernt sie ihren zweiten Ehemann Friedrich Anneke (1818-1870) kennen, einen wegen seiner demokratischen Gesinnung und damit verbundenen politischen Aktivitäten unehrenhaft entlassenen preußischen Offizier. Sie heiraten 1847 und ziehen nach Köln, wo sie sich der demokratischen Bewegung anschließen und er bei einer Versicherung unterkommt. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor.

Der Salon der A.s wird zu einer der Keimzellen der Revolution in Köln. Bei den Annekes verkehren u.a. der Armenarzt Andreas Gottschalk, die Dichter Freiligrath und Herwegh und einer der einflussreichsten Vertreter der anarchistischen Bewegung, Michail Bakunin. A. kommentiert Anfang 1847 als Journalistin erstmals politische Ereignisse und verfasst die – heute verschollene – Streitschrift Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen. Den Anstoß dazu geben die Lektüre des Buches Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber und über die weibliche Bildung (1789) des Königsberger Polizeipräsidenten Theodor Gottlieb von Hippel und der Skandal um die Pfarrerstochter Louise Aston (geb. Hoche), die sich offen zum Ehebruch bekannt hatte.

Die Annekes gründen auf Anregung Mathildes 1848 die Neue Kölnische Zeitung und fordern darin vor allen die Arbeiter auf, sich gegen ihre Unterdrückung im Staat zu wehren, jede Form von Repression in der Zeitung anzuzeigen und dadurch bekannt zu machen und Mitsprache in der Regierung zu fordern. Das Blatt enthält auch eine Rubrik „Register der Verhaftungen, Untersuchungen und Verfolgungen“, in der über Berufsverbote, Zensur und Beamtenwillkür berichtet wird.

Wegen Anstiftung zum Bürgerkrieg und Regierungsumsturz wird Friedrich Anneke mehrere Monate inhaftiert. A. führt die Zeitung alleine weiter – zwischenzeitlich unter dem Titel Frauen-Zeitung, da die Neue Kölnische Zeitung wegen der darin vertretenen, der Obrigkeit missliebigen freiheitlichen Ansichten verboten wird: Es ist ein Organ der anbrechenden Revolution, worin Gleichberechtigung für alle, politische Mitbestimmung des Proletariats und die Abschaffung jeglicher Privilegien gefordert wird. Karl Marx empfiehlt den Lesern seiner Neuen Rheinischen Zeitung die Lektüre der Neuen Kölnischen Zeitung.

Da es immer schwieriger ist, die Zensur zu umgehen, verlässt A. 1849 Köln und dient im Badischen Revolutionskrieg 1849 mit Carl Schurz unter ihrem Mann, des Artillerie-Obersten, als berittene Ordonnanz. Ihre Erinnerungen – 1853 erschienen unter dem Titel Mutterland. Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzuge 1848/ 49 – sind bedeutend, da A. die Revolution nicht idealisiert, sondern reportageartig, sachkundig und detailliert sowohl Gefechte als auch die Langeweile des Wartens zwischen den Kämpfen und Probleme der Organisation und Kommunikation auf Seiten der Revolutionäre schildert.

Als diese geschlagen werden, müssen sich die Führer vor der Hinrichtung oder dem Zuchthaus retten. Das Ehepaar Anneke emigriert über Frankreich und die Schweiz nach Wisconsin, USA, wo A. Vorträge über die Revolution von 1848 und über zeitgenössische deutschsprachige Literatur (u.a. von Heine, Freiligrath, Gallet) hält. Zudem arbeiten sie und ihr Mann als Korrespondenten für die Augsburger Allgemeine Zeitung. Sie wählen Milwaukee, das Zentrum deutscher Einwanderer, als Wohnsitz. Deutsch ist dort Verkehrssprache. A. spricht und schreibt zeitlebens kein gutes Englisch. Nur wenige Jahre lang, zwischen 1852 und 1858, lebt die Familie auch in New York und Newark.

1852 gründet A. die Deutsche Frauen-Zeitung, ein Sprachrohr zeitgenössischer Frauenrechtlerinnen wie Elizabeth Stanton und Susan Anthony, das sowohl an der Ostküste der USA als auch in Texas und Brasilien gelesen wird. Das Blatt setzt sich für die Befreiung der Frauen aus politischer Ohnmacht und sozialer Abhängigkeit ein. Es besteht keine drei Jahre, da Krankheit und Sorge um die Familie und ein Streit mit den Druckern A. an der Arbeit hindern.

Sowohl in ihren Artikeln als auch in ihren Vorträgen, die sie von 1852 an durch weite Teile der USA führen, setzt sich A. bis zu ihrem Tod v.a. für Frauenwahlrecht und weibliche Selbstbestimmung ein. A. spricht sich auch öffentlich immer wieder gegen Prohibition, Nationalismus und gegen die Sklaverei aus und behandelt dieses Thema zudem literarisch, so in den Erzählungen Die Sclaven-Auction; Gebrochene Ketten; Der Bund und in dem Roman Uhland in Texas, in dem es um eine nach dem deutschen Dichter benannte, kurz vor dem Sezessionskrieg in der Nähe von Indianola, Texas, gegründete deutsche Siedlung geht. A. skizziert in diesem Roman die Auffassung selbstgerechter Sklavenhalter und kontrastiert diese mit Vertretern der Union, auf deren Seite sie sich als Autorin eindeutig stellt. Deutsche werden als Sklavenfreunde verfolgt. Die demütigende Behandlung v.a. schwarzer Frauen und deren doppelte Unterdrückung ist in diesem Text zentral ebenso wie in den o.a. Erzählungen, in denen schwarze Frauen auch sexuellen Übergriffen ihrer weißen Besitzer ausgesetzt sind.

Auch die Erzählungen sind durch einen überdeutlichen politischen Impetus gekennzeichnet, zeigen passagenweise realistisch das Elend der Unterdrückten, sind aber inhaltlich und sprachlich überwiegend von Stereotypen und klischeehaften Wendungen geprägt. Als mäßig begabte, aber hochpolitische Schriftstellerin bemüht sich A., mit Mitteln der Unterhaltungsliteratur einem großen Leserkreis ihre Botschaft zu vermitteln und unmissverständlich Stellung als Republikanerin zu beziehen.

Ihre Gedichte – z.B. Marseille und Prolog – nach dem Frieden des letzten Krieges, Der sterbende Unionssoldat – sind ebenfalls überwiegend politisch. A. ruft darin in wenig origineller Bildlichkeit zum Kampf um Freiheit und Gleichheit auf. Sie verfasste auch einige Liebesgedichte. Der überwiegende Teil ihrer Werke ist jedoch Tendenzliteratur und erscheint in Zeitschriften und Zeitungen. Nur ihr Drama Oithono, der Roman Das Geisterhaus von New York – eine Adaption des Faust-Stoffes mit großen kompositorischen und sprachlichen Schwächen – und die Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzuge wurden in Buchform publiziert.

Für ihre journalistische Arbeit ist seit ihrer Emigration neben den Frauenrechten der amerikanische Bürgerkrieg ihr zentrales Thema. Darüber und über die Lebensumstände der deutschen Einwanderer schreibt sie für die Augsburger Allgemeine Zeitung, das Morgenblatt für gebildete Leser, Das Ausland. Außerdem verfasst sie für deutsch-amerikanische Zeitungen – z.B. die Literarischen Monatsberichte, den Milwaukee Herold, die Illinois Staatszeitung – Theater- und Musikkritiken sowie Kindergeschichten und Reiseberichte.

1860 folgt A. ihrem Mann nach Europa, der als Korrespondet u.a. in Italien arbeitet. Bis 1865 bleibt A. mit ihren Kindern und ihrer Freundin Mary Booth in der Schweiz und arbeitet als Korrespondentin u.a. für das Belletristische Journal in New York, die Illinois Staatszeitung sowie für die Augsburger Allgemeine, die Elberfelder Zeitung, Didaskalia, den Bund, u.a. Sie berichtet über das kulturelle und politische Leben Europas und verkehrt u.a. mit Georg und Emma Herwegh, Wilhelm Rüstow, Ferdinand Lassalle, Jakob Molexchott, Gräfin Hatzfeld, Ludmilla Assing und Gottfried Keller.

Nach ihrer Rückkehr in die USA gründet sie mit ihrer Freundin Cäcilie Kapp 1866 das „Milwaukee Töchterinstitut“. Als eine der ersten Erzieherinnen legt A. Wert auf eine gründliche Ausbildung von Mädchen auch in Mathematik und Naturwissenschaften. Die Schule hat 18 Jahre lang – über den Tod A.s hinaus – Bestand. A. stirbt 1884 im Alter von 67 Jahren in Milwaukee.

Anne-Rose Meyer


Literaturverzeichnis

Standort der Manuskripte

  • State Historical Society of Wisconsin, Madison


Werke in Auswahl
  • Des Christen freudiger Aufblick zum ewigen Vater. Wesel 1839.
  • Der Heimathgruß. Eine Pfingstgabe. Wesel 1840 (Hg.)
  • Der Meister ist da und rufet Dich. Wesel, Borken 1841.
  • Die Melkerin von Blankenstein. In: Taschenbuch deutscher Sagen. Wesel 1841.
  • Damenalmanach (Hg.). Wesel 1841.
  • Oithono oder die Tempelweihe. Wesel 1842.
  • Producte der Rothen Erde (Hg.). Münster 1846.
    darin: „Wilhelm Kaulbach, seine Jugend- und Lehrjahre bis zu seiner Meisterschaft.“
  • Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen. Münster 1847.
  • „Vor Marseille“. In: Republik der Arbeiter, 29.11.1851.
  • Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzug. Newark, New Jersey, 1853.
  • Major Anderson und Fort Sumpter. In: Augsburger Allgemeine. 1861, Nr. 35.
  • Die Sclaven-Auction. In: Didaskalia 174, Juni 1862.
  • Der Tod des amerikanischen Obers Elmer Ellsworth. In: Didaskalia 1862, Nr. 23 und 24.
  • Die gebrochenen Ketten. In: Milwaukee Herold. Juli 1864 und in Der Bund. November 1864.
  • Das Geisterhaus in New York. Roman. Jena, Leipzig 1864.
  • „Als der Großvater die Großmutter nahm“. In: Chicago Sonntagszeitung. Sonntagsausgabe der Illinois Staatszeitung. Januar 1864.
  • Erinnerungen vom Michigan-See. In: Elberfelder Zeitung. Januar 1864.
  • Uhland in Texas. In: Illinois Staatszeitung. April - Juni1866.


Zur Biographie
  • Freund, Marion: „Mathilde Franziska Anneke und Louise Otto-Peters : zwei Wege in die Frauenbewegung - Amerika / Deutschland“. In: Louise-Otto-Peters-Jahrbuch Bd. 2.2006. 2007, S. 134-148.
  • Gebhardt, Manfred: Mathilde Franziska Anneke: Madame, Soldat und Suffragette. Biografie. Berlin: Verlag Neues Leben. 1988.
  • Henkel, Martin/ Taubert, Rolf: Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen: Mathilde Franziska Anneke und die erste deutsche Frauenzeitung. Bochum: Edition Egalité. 1976.
  • Hockamp, Karin: Von vielem Geist und großer Herzensgüte - Mathilde Franziska Anneke (1817 - 1884): Ludwig Möller zum Gedächtnis. Hrsg. von der Volkshochschule Hattingen und dem Stadtarchiv Sprockhövel. Wetter (Ruhr): Stadtarchiv. 1999.
  • Kohlhagen, Norgard: Mehr als nur ein Schatten von Glück: Mathilde Franziska Anneke - ein Leben in abenteuerlicher Zeit. Reinbek: Rowohlt.1990.
  • Möhrle, Ursula/ Kösters, Klaus : Mathilde Franziska Anneke. Münster: Landschaftsverb. Westfalen-Lippe, Landesbildstelle Westfalen. 1984.
  • Piepke, Susan L.: Mathilde Franziska Anneke (1817 - 1884) : the works and life of a German-American activist; including English translations of „Woman in conflict with society“ and „Broken chains“ New York [u.a.]: Lang. 2006.
  • Schmidt, Klaus: Mathilde Franziska und Fritz Anneke: eine Biographie aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung. Köln: Schmidt von Schwind. 1999.
  • Wagner, Maria: Anneke, Mathilde Franziska: Mathilde Franziska Anneke in Selbstzeugnissen und Dokumenten Frankfurt am Main: Fischer. 1980.
  • Wagner, Maria: „Mathilde Franziska Anneke: ein Lebensbild“. In: Literatur in Westfalen. 1992, S. 161-176.


Materialien und Dokumente
  • Berner, Elisabeth: „‚An Stoff gebricht's mir deshalb aber noch lange nicht ...‘: Mathilde Franziska Annekes Briefe an Friedrich Hammacher 1846 –1849“. In: Bausteine zu einer Geschichte des weiblichen Sprachgebrauchs. 2006, S. 121-137.


Neuere Forschungsliteratur
  • Alemann, Claudia von (Hrsg.): Das nächste Jahrhundert wird uns gehören: Frauen und Utopie 1830-1840. Frankfurt am Main: Fischer. 1987.
  • Götze, Ruth: „Frauen 1848/49 im Kampf um Einheit und Freiheit am Beispiel von Louise Otto, Mathilde Franziska Anneke und Louise Aston“. In: Louise-Otto-Peters-Jahrbuch Bd. 1. 2004, S. 7-13.
  • Roethke, Gisela: „M.F. Anneke: eine Vormärzkämpferin für Frauenrechte in Deutschland und in den Vereinigten Staaten“. In: Yearbook of German American studies 28.1993, S. 33-51.
  • Stuecher, Dorothea D.: Twice removed: the experience of German American women writers in the 19th century. New York [u.a].: Lang, 1990.
  • Wallach, Martha K.: „Women of German-American fiction : Therese Robinson, Mathilde Anneke, and Fernande Richter“. In: America and the Germans1.1985, S. 331-342.
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