Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon

Börne, (Carl) Ludwig

Eigentl.: Juda Löw Baruch, * 6.5.1786 Frankfurt/M., † 12.2.1837 Paris; Grabstätte: ebd., Père Lachaise. – Politischer Publizist, Literatur- u. Theaterkritiker, Essayist.

B. erfuhr als zweiter Sohn eines aus Hoffaktorenkreisen stammenden Frankfurter Wechselmaklers im drückenden Milieu des Ghettos eine bereits vom Reformjudentum geprägte Erziehung. Nach zweijährigem Besuch einer gymnasialen Privatschule in Gießen Vorbereitung auf das Medizinstudium in Berlin. Die Berührung mit frühromant. Kreisen im Haus seines Berliner Mentors, des Kantianers Markus Herz, war flüchtiger als die erotisch gefärbte Mutterbindung an Henriette Herz, der der erste tagebuchartige Briefwechsel des jungen B. zu verdanken ist. 1804-1806 hörte B. in Halle als Medizinstudent – denn nur dieses Studium bot zu jener Zeit einem Juden Berufsaussichten – bei dem Naturphilosophen Henrik Steffens u. dem Theologen Friedrich Schleiermacher; dort wurde ihm in der Theorie des organ. Kosmos u. der diesen reflektierenden Vernunft ein ethisches Weltbild vermittelt, in dem die Dialektik von intellektuellem Erkennen u. geschichtl. Handeln (bzw. künstlerischem Produzieren) in der Einheit von Denken u. Sein gegründet war. Dieser philosophische Ansatz war von nachhaltiger Wirkung auf B.s polit. wie auf seine ästhet. Konzeption. Er fand seinen ersten Ausdruck in dem Essay Über Theorie und Praxis in der Politik. Das Leben und die Wissenschaft (in: Minerva 4, 1808, S. 331-347). Hier formulierte B. den für sein späteres Schreiben programmat. Gedanken der Synthese von Wissenschaft u. Leben u. forderte gleichzeitig eine organische Wechselbeziehung zwischen Staat u. Bürger.

Nachdem die veränderten polit. Verhältnisse ihm in Heidelberg einen Fachwechsel ermöglicht hatten, promovierte B. 1808 in Gießen zum Dr. phil. in Staats- u. Kameralwissenschaften. Kritische Studien zu Fragen des Judenbürgerrechts beschäftigten den in der „Loge zur aufgehenden Mörgenröthe“ freimauerisch Engagierten in den folgenden Jahren. Die den Frankfurter Juden im neugeschaffenen Großherzogtum gewährte Rechtsgleichheit eröffnete ihm 1811 die Verwaltungslaufbahn. Mit der Restitution der alten Ordnung durch den Wiener Kongreß wurde der Polizeiaktuar B. von der wieder »freien« Stadt 1815 zwangspensioniert.

Kurz nach Namenswechsel u. Taufe (5.6.1818) trat B. als Publizist an die Öffentlichkeit: Von Juli 1818 bis 1821 gab er, zunächst im Selbstverlag, »Die Wage. Eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst« heraus (Frankfurt a.M.; ab Bd. 2, Heft 2: Tüb. Aufl. etwa 600 Exemplare). Hier entfaltete er in Theater- u. Literaturkritik sein Programm der Integration aller wesentl. Lebensbereiche in einem neuen bürgerl. Bewußtsein; von dem Wirkungszusammenhang zwischen kulturellen u. gesellschaftlich-polit. Zuständen ausgehend, suchte er mit dem Plädoyer für Pressefreiheit u. Volksvertretung die literar. Öffentlichkeit zur politischen umzugestalten (vgl. Labuhn, 1980). Im Tagesjournalismus trug er, als Redakteur der »Zeitung der freien Stadt Frankfurt« (Jan.-Juni 1819) harte Zensurfehden aus; die von ihm herausgegebenen »Zeitschwingen« (Offenbach 1819) wurden durch die reaktionären Karlsbader Beschlüsse verboten, bei der gleichzeitig einsetzenden Demagogenhetze geriet er, nach erstem Ausweichen nach Paris, vorübergehend in Haft. 1821 widerstand B. dem inoffiziellen Ruf der Wiener Staatskanzlei, die den bekannten Kritiker restaurativer Machtpolitik auszuschalten u. für die Interessen der »Heiligen Allianz« zu gewinnen hoffte. Als freier Mitarbeiter der liberalen »Neckarzeitung« u. der Cottaschen Blätter (»Morgenblatt für die gebildeten Stände«, »Politische Annalen«) lebte B. 1820-1830 in München, Stuttgart, Frankfurt, Paris u. Hannover. In dieser Periode polit. Resignation näherte er sich durch Infragestellen jeglicher Machtstrukturen der utop. Anarchie. Gleichzeitig entwickelte B. unter dem Zwang der Zensur seine Witz u. Satire strategisch einsetzende Prosa u. perfektionierte die schon in den dramaturgischen u. zeitkrit. Rezensionen der »Wage« entwickelte »Schreibart«, mit der er »das Einverständnis zwischen Rezensent u. Publikum« (Koopmann) herzustellen u. so den Leser in den Meinungsbildungsprozeß einzubeziehen suchte.

Die hintergründigen Humoresken Monographie der deutschen Postschnecke (1821 in »Wage« 2, Heft 2) u. Der Esskünstler (in: »Morgenblatt«, 1822), seine facettenreichen Schilderungen aus Paris (in: »Morgenblatt«, 1822-24), die durch rhetor. Pathos ausgezeichnete Denkrede auf Jean Paul (in: »Morgenblatt« 1825), der von ihm als Gegenbil des »Hofmanns« Goethe zum »Sänger der Armen« stilisiert wurde, wie die Satire auf den Kult der Sängerin Henriette Sontag (Henriette Sontag in Frankfurt. In: »Morgenblatt« 1827) erwarben dem einstigen »Wage«-Herausgeber den Ruf eines der brillantesten dt. Feuilletonisten u. Humoristen, als der er 1828 in Berlin gefeiert wurde (vgl. die Berlin-Satire im 74. der Briefe aus Paris). Durch eine erste freundschaftl. Begegnung mit Heinrich Heine wurde B. 1827 auf den Hamburger Verleger Julius Campe aufmerksam, bei dem 1829-1832 seine Gesammelten Schriften (8 Bde.) erschienen.

Dank erfolgreich beendeter Erbstreitigkeiten wurde B. nach dem Tod des Vaters 1827 finanziell unabhängig. Durch die als Zeitwende empfundene Julirevolution der physischen u. psychischen Depression entrissen, lebte er ab Herbst 1830 in Paris, das er nur noch zu Reisen nach Baden-Baden u. in die Schweiz verließ. Aus der Korrespondenz mit Jeanette Wohl, seit 1816 seine Freundin, Anregerin, Kritikerin u. einzige Briefpartnerin, gingen die in einem die Bewegung der Zeit spiegelnden Sprachduktus geschriebenen, von den moderiert Liberalen mit Empörung aufgenommenen Briefe aus Paris hervor (3 F.n, Hbg. 1831-34), die trotz vorsorglich irreführenden Firmierung durch Campe sofort nach Erscheinen beschlagnahmt u. in Preußen verboten wurden. Das bunte Textgewebe ist strukturiert durch Kommentare zur polit. Tagesgeschichte Europas wie durch Schilderungen des öffentl. Lebens im nachrevolutionären Paris. Ordnender Gesichtspunkt der stoffl. Selektion u. krit. Reflexion bleibt der Fortschritt in der Freiheit, d.h. für B.: die mit polit. Mitteln u. publizist. Aufklärung voranzutreibende Emanzipation von Mensch u. Gesellschaft, nicht zuletzt die der Juden, im Kampf gegen Vorurteile, Privilegien u. die herrschaftsstützende Funktion des Kapitals. B.s durch die Degeneration des Juli-Königtums geförderte, auch sprachlich zu verfolgende Radikalisierung, mit der er den spätaufklärerisch-liberalen Horizont überschritt (Heinrich Laube: »Börne als Publicist ist kein Schriftsteller, sondern eine fortlebende und fortwirkende politische That«), zeigt sich in seiner Entwicklung vom Konstitutionalisten zum Republikaner wie in der Verlagerung seines Interessenschwerpunkts u. seiner Zielgruppe von Bürger zu Volk (erkennbar auch in den 1832 begonnenen, unvollendet gebliebenen Studien über Geschichte und Menschen der Französischen Revolution). Entsprechend suchte B. Anfang 1832 die die Keimzelle der dt. Arbeiterbewegung bildenden Handwerkervereine in Paris agitatorisch auf ihren revolutionären Auftrag vorzubereiten (literarisiertes Beispiel: die „Mautpredigt“ im 70. Brief aus Paris). Im Mai 1832 wurde er auf dem Hambacher Fest spontan als einer der Hauptanreger der freiheitlich-oppositionellen Bewegung in Deutschland gefeiert. Als B. 1834 in den Paroles d’un croyant des kathol. Sozialrevolutionärs Abbé de Lamennais eine messian. Botschaft zu hören glaubte, die den sich ankündigenden »Krieg der Armen gegen die Reichen« (Casimir Périer) unter das Zeichen brüderlich-christl. Solidarität u. Nächstenliebe stellte, übersetzte er dessen Schrift (u.d.T. Worte des Glaubens. Paris 1834), um sie unter die dt. Handwerker in Paris zu verteilen.

1836 griff B. noch einmal auf das Medium bürgerlich-literar. Öffentlichkeit zurück: Ziel der kurzlebigen, bis heute wenig beachteten Zeitschrift »La Balance« war es, auf dem Weg über die vergleichende Literatur (Béranger et Uhland) Frankreich u. Deutschland, das handelnde u. das denkende Volk, als Kern eines Europas der Zukunft freundschaftlich zu verbinden. Die letzten krankheitsbeschatteten Lebensjahre verlebte der von der Öffentlichkeit Zurückgezogene im Haushalt der Freunde Jeanette und Salomon Strauss-Wohl in Paris, während des Sommers im ländlichen Auteuil.

Von grundsätzlicher Bedeutung auch für die Wirkungsgeschichte B.s sind die beiden Kontroversen der letzten Pariser Jahre. Mit den Streitschriften gegen den Stuttgarter »Literaturpapst« Wolfgang Menzel (Menzel der Franzosenfresser. Paris 1837), der ihn selbst als den am »Schmerz der Zeit« leidenden Patrioten vorgestellt hatte, trat B. gegen die Anwendung sittenpolizeil., antisemitischer u. chauvinistischer Kriterien in der von Menzel inszenierten, den Übergriff des Staatsapparats auf die Literatur provozierenden Pressehetze gegen das »Junge Deutschland« auf. Stand B. in der Abwehr deutschtümelnder, denunziator. u. totalitärer Methoden auf der gleichen Seite wie Heine, so zerbrach die Bundesgenossenschaft der beiden Exilschriftsteller an der zeittyp. Polarisierung von politisch-revolutionärem u. sozial-utop. Fortschrittsdenkens. Die von B. schon im Blick auf Goethe formulierte Alternative: polit. engagierte Literatur oder Autonomie der Kunst brachte Heine auf den folgenreichen Nenner: »Nazarener« versus »Hellene« (in: Ludwig Börne. 1839). B. blieb damit für mehr als ein Jahrhundert in bürgerlicher (Georg Brandes, Thomas Mann, Benn) wie marxistischer (Marx, Mehring, Lukács) Sicht der dogmatisch beschränkte, kunstfeindl. Jakobiner. Seine stilistisch u. ideologisch innovative Wirkung auf die jungdeutschen u. linkshegelianischen Autoren des eigentl. Vormärz schwächte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte ab zur Anerkennung nur formaler Qualitäten eines thematisch überlebten Feuilletonisten. Forschungsansätze der Zwischenkriegszeit blockte die NS-Germanistik ab. Mit der nach 1965 angebahnten Neubewertung kritischer u. operativer Prosa als Medium der Emanzipationstendenz zeichnet sich – im Schatten der bedeutenderen Zeitgenossen Heine und Büchner – nur zögernd eine Revision der ideologisch-polit. wie der kritisch-ästhet. Aspekte des Börnebilds ab.

Inge Rippmann


Literaturverzeichnis

Standort der Manuskripte (in Auswahl)

  • Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. Börne-Archiv.
  • Schiller-Nationalmuseum Marbach. Cotta-Archiv.
  • Bibliothèque Nationale Paris. Département des manuscrits, fond allemand.

Werkausgaben (in Auswahl)
  • Gesammelte Schriften Bd. 1-7. Hoffmann u. Campe. Hamburg 1829.- Bd. 8. Hamburg 1832.
  • Gesammelte Schriften Bde 9-14 (Briefe aus Paris; unter falscher Firmierung). Hamburg 1832-34.
  • Gesammelte Schriften von L. B., 10 Bde. Wien 1868.
  • Börnes Werke. Histor.-krit. Ausgabe in 12 Bden, hgb. von Ludwig Geiger u.a. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. (1911-1914); erschienen nur Bd. 1-3, Bde 6, 7 u. 9.
  • Sämtliche Schriften. Neu bearb. und hgb. von Inge und Peter Rippmann. Bd. 1-3 Düsseldorf 1964, Bd. 4 u. 5 (Briefe) Darmstadt 1968. – Nachdruck Dreieich 1977 (ohne Nachwort und Bibliogr.)

Auswahlausgaben
  • Börnes Werke. Ausgew. und eingel. von Helmut Bock und Walter Dietze. 2 Bde. Volksverlag Weimar 1959. 4. Aufl. 1981.
  • L. B. Monographie der deutschen Postschnecke. Auswahl und Nachwort von Jost Hermand, Stuttgart 1967. ..? Aufl. 1981.
  • L. B. Spiegelbild des Lebens. Aufsätze zur Literatur. Ausgew. u. eingel. von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt a.M. 1977. ...? Aufl.1993.

Forschungsberichte
  • Wolfgang Labuhn: Die L.B.-Forschung seit 1945. In: Z.f.dt.Philologie 1977. 96.Bd., 2. Heft, S. 269-286.
  • Ders.: Die L. B.-Forschung 1976-1986, in: Die Kunst – eine Tochter der Zeit. Neue Studien zu L. B. Hgb. von Inge Rippmann u. Wolfgang Labuhn. Bielefeld 1988.

Zur Biographie
  • Karl Gutzkow: Börnes Leben. 1. Aufl. Hamburg 1839, 2. vermehrte Aufl. Hamburg 1845.
  • Michael Holzmann: L. B. Sein Leben und sein Wirken nach den Quellen dargestellt. Berlin 1888.
  • Ludwig Marcuse: Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes. Leipzig 1929.
  • Will Jasper: Keinem Vaterland geboren. L. B. Eine Biographie. Hamburg 1989.

Monographien
  • Helmut Bock: L. B. Vom Gettojuden zum Nationalschriftsteller. Berlin (Ost) 1962.
  • Manfred Schneider: Die kranke schöne Seele der Revolution: Heine, Börne, das Junge Deutschland, Marx und Engels. Frankfurt a. M. 1980.
  • Wolfgang Labuhn: Literatur und Öffentlichkeit im Vormärz. Das Beispiel L.B. Königstein i. T. 1980.

Neuere Forschungsliteratur
  • Joh. Weber: Libertin und Charakter. Heinrich Heine und L. B. im Werturteil der Literaturgeschichtsschreibung 1840-1918. Heidelberg 1984.
  • L. B. und Heinrich Heine, ein deutsches Zerwürfnis. Bearb. von Hans Magnus Enzensberger. Nördlingen 1986.
  • Inge Rippmannl/Wolfgang Labuhn (Hgb.): Die Kunst – eine Tochter der Zeit. Neue Studien zu L. B. Bielfeld 1988.
  • Inge Rippmann: Börnes Studien über Geschichte und Menschen der Französischen Revolution. In: HJb. 1992, S. 163-191.
  • Bernhard Budde: Verwahrung aufklärerischer Vernunft. Literar-.publizist. Strategien in Börnes Schutzschriften für die Juden. In: Forum Vormärz Forschung. Jb.1998, S. 111-140.
  • Inge Rippmann: Aimer Dieu et Lisette. L. B.s europäische Vision. In: Forum Vormärz Forschung. Jb. 2002. S. 79-114.

Materialien und Dokumente
  • Inge Rippmann: Literaturverzeichnis in: L. B. Sämtl. Schriften 1964. Bd. 5, S. 1115-1164 (ohne neuere Literatur).
  • Inge Rippmann: Börne-Index. Histor.-biograph. Materialien zu L. B.s Schriften und Briefen. Ein Beitrag zu Geschichte u. Literatur des Vormärz. 2 Bde. Berlin/New York 1995.
  • Alfred Estermann (Hgb.: L. B. 1786-1837. Katalog der Aussteliung zur 200. Wiederkehr von L. B.s Geburtstag. Frankfurt a.M. 1986.
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