Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon

Dingelstedt, Franz

Geb. am 30.6.1814 in Halsdorf bei Marburg, gest. am 15.5.1881 in Wien;
dt. Dichter, Journalist und Theaterleiter

Franz Dingelstedt wird 1814 als Sohn eines kurhessischen Beamten in Halsdorf bei Marburg geboren, wächst jedoch in Rinteln an der Weser auf. Dort besucht er ab 1821 das Gymnasium und macht bereits mit 17 Jahren 1831 ein glänzendes Abitur als „primus omnium“. Anschließend studiert er von 1831 bis 1834 auf Wunsch des Vaters Theologie in Marburg, geht jedoch nicht in den kirchlichen Dienst, weil er, wie er in einem Brief an den Freund Julius Hartmann schreibt, während des Studiums „profane Lieder gemacht und Komödie gespielt habe.“ (Deetjen 1922, 64) Statt dessen nimmt er eine Stelle als Lehrer an und unterrichtet zunächst in einer „Erziehungsanstalt für junge Engländer, welche in Ricklingen bei Hannover blühte, und wo ich angeblich das Deutsche lehrte, in Wahrheit aber das Englische lernte“ (Dingelstedt 1878, 167). Seine Schilderungen über die Zeit in Ricklingen klingen insgesamt eher nach geselligem als nach pädagogisch strengem Alltag.

1836 kommt er, wie er selbstironisch in einem Brief an seine Schwester sagt, als „interimistischer Hülfslehrer-Gehülfe“ (zit. nach Heidelbach 1936, 188) ans Lyceum Fridericianum, das heutige Friedrichsgymnasium, in Kassel; hier veröffentlicht er die ersten dichterischen Arbeiten. Seine satirischen Bilder aus Hessen-Kassel, die die Residenzstadt ähnlich verspotten wie Heinrich Heines Harzreise [1826] die Stadt Göttingen, erscheinen 1836 in der Zeitschrift Europa. Die nach dem Vorbild Anastasius Grüns benannten Spaziergänge eines Kasseler Poeten werden 1837 in der Wage, einem Beiblatt zur Kurhessischen Allgemeinen Landeszeitung, als eigenständige Publikation dann unter dem Titel Stimmen der Wüste in dem Band Gedichte [1838] gedruckt. Diese Veröffentlichungen führen 1838 zu einer Strafversetzung an das Gymnasium in Fulda. In der als Verbannung empfundenen kurhessischen Provinz entsteht der Roman Die neuen Argonauten [1839], für den Dingelstedt 20 Taler Strafe entrichten muss, weil er einen angeblich blasphemischen Passus enthält (vgl. Heidelbach 1931, 209-211). Hier schreibt er aber auch sein vielleicht bekanntestes Werk, die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters [1841/42]. 1838 reicht er seine Dissertation über die Poetik des Horaz ein, die allerdings abgelehnt wird. Mit der anschließenden Bewerbung an der Universität Jena hat er mehr Erfolg, hier wird er in Abwesenheit am 18.5.1838 zum Dr. phil. promoviert, darf den Titel allerdings in Hessen nicht führen (vgl. Knudsen 1964, 52-96).

1840 setzt Dingelstedt sich für den liberalen Staatsrechtler Sylvester Jordan ein, der sich massiv um die kurhessische Verfassung von 1831 bemüht hat. Jordan gilt als Symbolfigur im Kampf gegen die Reaktion und wird wegen angeblicher Kontakte zu republikanischen Kräften zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. In seinem Osterwort fordert Dingelstedt explizit: „Neig’ dein Scepter, Friedrich Wilhelm, zu erlösendem Bescheid!“ (Dingelstedt/Jordan 1848, 9). Dieser ursprünglich als Flugblatt erschienene Text findet große Beachtung; zur Freilassung Jordans, der auch eine lyrische Replik auf Dingelstedts Gedicht verfasst, kommt es jedoch erst 1845.

1841 quittiert Dingelstedt schließlich den Schuldienst und verlässt Fulda; die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters erscheinen im selben Jahr anonym und mit einem raffiniert erschlichenen Imprimatur im Verlag Julius Campe (vgl. etwa Brinitzer 1962, 196ff). Als im Dezember 1841 von der preußischen Regierung ein Gesamtverbot aller Werke dieses Verlages erlassen wird, steht auch Franz Dingelstedt in einer Reihe mit oppositionellen Autoren des Jungen Deutschland wie Heinrich Heine, Heinrich Laube, Karl Gutzkow oder August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.

Seit den 30er-Jahren ist Franz Dingelstedt journalistisch tätig, baut sich ein umfangreiches Netz an Kontakten auf und veröffentlicht zwischen 1835 und 1850 in mindestens 74 literarischen Zeitschriften; in Kassel ist er 1841 erster Redakteur der Zeitschrift Der Salon (vgl. Gebhardt 2004). Hinter dieser starken Medienpräsenz steckt der erkennbare Wille nach beruflicher Veränderung. Er will sich von seinem bürgerlichen Lehrerberuf emanzipieren und strebt schon früh einen Redakteursposten bei der von Cotta herausgegebenen Augsburger Allgemeinen Zeitung an; dieser Wunsch geht schließlich 1841 in Erfüllung. Dingelstedt wird jedoch aus Furcht vor der Reaktion auf seine Nachtwächter-Lieder als Korrespondent nach Paris, anschließend nach London und Wien entsandt. In London lernt er die Sängerin Jenny Lutzer kennen, die er 1844 heiratet. In Paris wird er zunächst von Heinrich Heine freundschaftlich empfangen, dieser schreibt in dem Gedicht Bei des Nachtwächters Ankunft zu Paris [1841]:

   Nachtwächter mit langen Fortschrittsbeinen,
   Du kommst so verstört einhergerannt!
   Wie geht es daheim den lieben Meinen,
   Ist schon befreit das Vaterland? (Heine 1997, 436)

Das Jahr 1843 wird oft als Wendejahr in Dingelstedt Leben gewertet; bis zu diesem Zeitpunkt hat er sich als Oppositioneller gegen die Politik der Restauration sowie die Feudalherrschaft der Duodezfürsten gewandt. Noch Ende 1841 verfasst er zusammen mit Georg Herwegh das Doppelgedicht Wohlgeboren und Hochwohlgeboren. Von zwei deutschen Dichtern in Paris. In dem von ihm verfassten Teil, Hochwohlgeboren, schreibt Dingelstedt:

   So mancher hat's doch schon erreicht,
   Der höher noch als ich gedachte,
   Der krummer seinen Vers vielleicht
   Und krummer seinen Rücken machte.
   W a s   E i n e r   k a n n,   d a s   k a n n   a u c h   i c h! – –
   Und trotz Gefährden und Beschwerden,
   Schwör ich's – St. Huber, höre mich! –
   Ich muß Geheimer Hofrat werden! (Zit. nach Dingelstedt 1978, 234)

Diese letzte Zeile wird am Schluss jeder zweiten Strophe wiederholt und ist im Kontext des Gedichtes eindeutig ironisch gemeint; die höfische Welt und der Untertanengeist werden belächelt. Umso erstaunlicher wirkt es, dass Dingelstedt kaum zwei Jahre später 1843 in Stuttgart eine Anstellung beim König von Württemberg als Vorleser und Bibliothekar annimmt und wirklich zum Hofrat ernannt wird. Dieser Gesinnungswechsel macht ihm Feinde unter den jungdeutschen Autoren, auch Heine beklagt Dingelstedts „Verhofräterei“, bleibt ihm aber dennoch verbunden, wenn er 1844 in dem Gedicht An den Nachtwächter (Bei späterer Gelegenheit) schreibt:

   Verschlechtert sich nicht dein Herz und dein Stil,
   So magst du treiben jedwedes Spiel;
   Mein Freund, ich werde dich nie verkennen,
   Und sollt ich dich auch Herr Hofrat nennen. (Heine 1997, 471)

Andere Dichterkollegen fühlen sich von Dingelstedt verraten; der ehemalige Freund Georg Herwegh etwa bramarbasiert noch 1851 in einer Rezension des Gedichtbandes Nacht und Morgen, dass er sich „den Herrn Theaterintendanten Dingelstedt gern ein paar Schritte vom Leibe halten“ möchte. Er wendet sich entschieden gegen dessen „hofrätliche Niederträchtigkeit“ und urteilt: „Wenn aber die absolute Impotenz mit der Prätension auftritt, was Rechtes zu sein, wenn ein jämmerlicher Renegat sich erfrecht, aus einem königlichen Liebesboudoir hervor seine schwächliche Hofratsgalle auf die beste Sache und ihre treusten Verfechter zu spritzen, wenn ein herzloser Schöngeist es wagt, vor den Augen des von Leuten seines Gelichters tausendfach verratenen deutschen Volkes versedrechselnd mit schwarz-rot-goldenen Glacéhandschuhen zu kokettieren, so darf und soll diese Anmaßung, dieses Erfrechen, diese Koketterie der verdienten Züchtigung nicht entgehen“ (Herwegh 1851). Der einstige Freund Ferdinand Freiligrath bringt seine Enttäuschung auf den Punkt: „Du bist Hofrath, u. ich will nie etwas anderes sein, als Freiligrath.“ (zit. nach Schoof 1940a, 213).

Mit der Ernennung zum Hofrat und der Stelle am württembergischen Hof verläuft Dingelstedts Leben ab 1843 in gänzlich veränderten Bahnen. Nach der Anstellung in Stuttgart, wo er ab 1846 auch als Dramaturg des Hoftheaters tätig ist, geht er 1851 als Intendant ans Hoftheater nach München, wo das konservative bayerische Publikums dem ehemals oppositionellen kurhessischen Lyriker zunächst feindselig und ablehnend begegnet (vgl. Dingelstedt 1879, Liebscher 1909). 1857 kommt Dingelstedt auf Vermittlung Franz Liszts, der dort als Operndirektor tätig ist, als Generalintendant an das höfische Theater in Weimar (vgl. Roenneke 1912). Bereits 1850 hatte Dingelstedt einen Prolog zur dortigen Uraufführung von Wagners Lohengrin verfasst um sich und seinen Namen in dieser Theaterstadt bekannt zu machen. In einer Besprechung der Uraufführung schreibt Dingelstedt selbst, sein Prolog sei „im Publicum ungemein gütig aufgenommen“ (Dingelstedt 1850b, 3948) worden, während er für die Musik und Ästhetik Richard Wagners wenig Verständnis zeigt. Die spätere Weimarer Zusammenarbeit zwischen Liszt und Dingelstedt scheitert trotz beider Freundschaft daran, dass Dingelstedt dem Schauspiel eindeutig Priorität einräumt und die Oper vernachlässigt. Über diverse Intrigen kommt es schließlich zum Zerwürfnis und Liszt reicht sein Rücktrittsgesuch ein. 1867 wird Dingelstedt Direktor der Wiener Hofoper, die unter seiner Intendanz in das neue Haus an der Ringstraße umzieht. Ebenfalls 1867 wird er von König Ludwig II. nobilitiert, leitet ab 1870 das Wiener Hofburgtheater, das bis heute mit einer Statue an Dingelstedts Wirken erinnert, und wird 1876 von Kaiser Franz Joseph in den Freiherrenstand erhoben. Franz Dingelstedt stirbt 1881 in Wien und wird auf dem Zentralfriedhof neben seiner 1877 verstorbenen Ehefrau Jenny Lutzer beigesetzt.

Als Dichter bewegt sich Dingelstedt im Wesentlichen auf dem Feld der Lyrik (Gedichte [1838], Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters [1841/42], Gedichte [1845], Nacht und Morgen [1851]), außerdem schreibt er Romane und Novellen (Die neuen Argonauten [1839], Unter der Erde [1840], Heptameron [1841], Die Amazone [1868]), an Bühnenwerken ist sein 1850 in München uraufgeführtes Drama Das Haus der Barneveldt zu erwähnen. Darüber hinaus verfasst er dramaturgische und literaturgeschichtliche Arbeiten (Studien und Copien nach Shakspeare [sic! 1858], Eine Faust-Trilogie [1876], Literarisches Bilderbuch [1878]) sowie Übersetzungen von Dramen Shakespeares, Molières und Beaumarchais’. Volkstümliche Berühmtheit erlangt Franz Dingelstedt durch sein 1835 gedichtetes Weserlied („Hier hab’ ich so manches liebe Mal / mit meiner Laute gesessen“), das von Gustav Pressel vertont wird; an diese Zusammenarbeit erinnert die Weserliedanlage bei Hann. Münden, die sowohl den Komponisten als auch den Dichter mit Bronzetafeln ehrt.

In seiner Geschichte der deutschen Literatur resümiert Eduard Engel zu Anfang des 20. Jahrhunderts: „Und doch war Dingelstedt ein Dichter; kein großer, aber kein ganz geringer.“ (Engel 1918, Bd. 2, 188) Diese Einschätzung lässt sich bis heute aufrecht erhalten. In seiner politischen Lyrik polemisiert Dingelstedt – ähnlich wie Hofmann von Fallersleben in den Liedern eines Unpolitischen [1840/41] oder Georg Herwegh in seinen Gedichten eines Lebendigen [1841, 2. Bd. 1843] gegen die politischen und gesellschaftlichen Zustände im vorrevolutionären Deutschland. Er geißelt die Repressalien durch die Restauration, wendet sich gegen Fürstenwillkür, Klerikalismus, Korruption, Philistertum, die Meinungsunterdrückung durch die Zensur sowie die Kleinstaaterei; als Motto steht über dem zweiten Teil seiner Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters: „Welt im Duodez; / Der Deutsche versteht’s!“ (Dingelstedt 1978, 116) In diesen Nachtwächter-Liedern fokussiert er – zum Teil an realen Orten wie Frankfurt am Main, München, Kassel, Berlin, Wien – jeweils konkrete Beispiele um diese zu kritisieren, zu kompromittieren oder zu ironisieren. In einem der Lieder wendet er sich etwa dem Wahnsinn und der Praxis in Psychiatrien zu und seine Einschätzung mutet durchaus modern an:

   Was nicht so denkt, wie wir, und nicht
   So fühlt, das zählen wir zu kranken,
   Und ob nicht just Gesundheit spricht
   Aus ihren taumelnden Gedanken? (Dingelstedt 1978, 110)

Ungewöhnliche und bewusst effektvoll gestaltete Reime und Enjambements sowie das Erzeugen von Komik sind typisch für den Stil Dingelstedts. Außerdem gelingen ihm bisweilen äußerst treffende Bilder und Formulierungen; das Wesen eines typischen Höflings entwirft er in vier Zeilen:

   Hungern, Dursten, Gähnen, Frieren,
   Echo und Maschine sein,
   Obendrein im Whist verlieren
   Und im Tanz sich abkastein – (Dingelstedt 1978, 147)

Insbesondere die Metapher „Echo und Maschine“ pointiert das Menschenbild im System Metternich, außerdem bringt der Kontrast zwischen den ersten und letzten beiden Zeilen die Zerrissenheit zwischen realer Lebenssituation und höfischer Erwartung zum Ausdruck, ein Menschenbild also, wie es etwa auch Georg Büchner in seinen Dramen vermittelt. Witz, Ironie und satirische Skepsis sind jene Elemente politischer Lyrik, die Dingelstedt stilistisch von vielen seiner Zeitgenossen abheben und ihn in die Nähe Heinrich Heines rücken, dessen Qualität er freilich nicht erreicht. Hans-Peter Bayerdörfer attestiert den Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters dennoch „stilistische Brillanz“ sowie „gehaltliche Brisanz“ (Bayerdörfer 1976, 79). Die über 80 Gedichte weisen nicht nur formal große Vielfalt auf (Volksliedstrophe, Sonett, Ghasel, Stanze, trochäische Tetrameter etc.), auch inhaltlich sind sie voller literarischer Allusionen und weisen den Autor als seismographischen Beobachter seiner Zeit aus. Bayerdörfer belegt darüber hinaus, dass Dingelstedts Nachtwächter-Zyklus Heines Stil beeinflusst und als direkte Anregung für dessen Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen [1844] fungiert hat. (Vgl. Bayerdörfer 1976)

Des Weiteren gilt Dingelstedt als bedeutender Theaterleiter des späten 19. Jahrhunderts; seine Vorstellung von dekorativer Bühnengestaltung kommt dem Publikumsgeschmack in hohem Maße entgegen. Während Heinrich Laube als Vorgänger im Amt des Burgtheaterdirektors den Text ins Zentrum stellt und an der Sprache seiner Schauspieler arbeitet, hingegen jeglichen Überfluss auf der Bühne als „Tapezierer-Dramaturgie“ diffamiert, hat das Bühnenbild für Dingelstedt unbedingte Priorität. Opulente Ausstattung und Bühnentechnik sind ihm äußerst wichtig, insbesondere im Genre des Historiendramas. Bereits in der Münchener Zeit hat er mit dem Maler Wilhelm Kaulbach als Bühnenbildner zusammengearbeitet. Wenn Hermann Broch von einem „eklektizistischen Stilkonglomerat[]“ spricht, „das den Un-Stil des 19. Jahrhunderts ausmachte“, dann meint er nicht nur die historistische Architektur etwa der Wiener Ringstraße, sondern bezieht sich auch auf das Theater. Dort finde man „all die dekorative Schönheit“ und hier werde das „Verlangen nach gesichertem, teils pomphaftem, teils unbeschwertem Kunst- und Lebensgenuß“ (Broch 1955, 49) befriedigt. In diesem Sinne ist Dingelstedts Ausstattungstheater sowohl eine geschickte Annäherung an das Publikum als auch eine ökonomisch wirksame Möglichkeit, mit den immer stärker werdenden Unterhaltungs- und Operettentheatern Schritt zu halten. In seiner Studie zu Goethes Faust entwirft Dingelstedt ein dramaturgisches Konzept, das die beiden Teile des Dramas an drei Abenden auf die Bühne bringt. In dieser Faust-Trilogie [1876] zeigt sich einerseits, dass Dingelstedt als Regisseur durchaus usurpatorisch mit dem Text umgeht, um sein Ziel einer bühnengerechten Darstellung zu erreichen, andererseits ausgesprochen konkrete und bildhafte Vorstellungen von dieser Umsetzung hat. Darüber hinaus wird deutlich, dass Dingelstedts Wille zur realistischen Wiedergabe nicht frei von Übertreibungen ist; der Pudel, als der Mephisto erscheint, müsse unbedingt als echter dressierter Hund auf die Bühne, postuliert er. Ein Kritiker nennt Dingelstedts Faust-Konzept später nicht zu Unrecht „ein merkwürdiges Konglomerat von Geschmacklosigkeiten und Einfällen.“ (Pfeiffer-Belli 1931, 46)

Als Programmgestalter wendet sich Franz Dingelstedt von der allgemeinen Präferenz französischer Stücke, die er als „Jahrmarktswaare“, als „Spottgeburten aus Dreck und Feuer“ (Dingelstedt 1876, 110) bezeichnet, ab und setzt im Wesentlichen drei Schwerpunkte: Er fördert die Dramen Friedrich Hebbels, die, so sagt er „von jeher eine besondere Anziehungskraft“ auf ihn ausgeübt haben. Die „zuweilen recht schwierige Arbeit“ der Inszenierung kommt ihm vor, „als beschäftige [er] sich mit einem eigenen Werk.“ (Dingelstedt 1878, 221) Mit Hebbel ist Dingelstedt auch persönlich befreundet, inszeniert in München dessen Judith und vermittelt 1852 die Uraufführung der Agnes Bernauer. In Weimar bringt er schließlich 1861 Hebbels Nibelungen zur Uraufführung, woraufhin der Dichter seinen Dank in einem Brief vom 20.5.1861 ausdrückt: „Was man auch über meinen Antheil an den Nibelungen in Zukunft sagen mag, den Deinigen wird man in der Theater-Geschichte als einen gloriosen bezeichnen“ (zit. nach Wellhausen 1988, 145).

Außerdem macht Dingelstedt sich um die Aufführung der Dramen der Klassiker verdient, zwischen 1851 und 1855 werden in München unter Dingelstedts Intendanz durchschnittlich 40 Klassikeraufführungen im Jahr geboten, 1854 organisiert er ein sogenanntes Gesamtgastspiel, bei dem unter Mitwirkung auswärtiger Schauspieler ebenfalls Dramen Goethes, Schillers, Lessings und Kleists aufgeführt werden. Außerdem ist er 1859-1865 Präsident der Schiller-Stiftung. In einem Weimarer Theater-Prolog zum Shakespeare-Jubiläum schreibt Dingelstedt mit parodistischem Blick auf Schillers Bürgschaft: „Seht, heut’ gesellt, im heil’gen Bund der dritte, / Zu Deutschlands Dioskuren sich der Brite.“ (Dingelstedt 1877, Bd. 9, 43) Neben Goethe und Schiller stellen also die Werke William Shakespeares einen weiteren Meilenstein in Dingelstedts Programmgestaltung dar. 1864, anlässlich des 300. Geburtstags, inszeniert er in Weimar erstmals auf deutscher Bühne die Königsdramen Shakespeares als Zyklus und gründet im gleichen Jahr zusammen mit Wilhelm von Oechelhäuser die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft, zu deren zweitem Vizepräsidenten er gewählt wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Shakespeare-Woche am Wiener Burgtheater zu nennen; vom 17.4. bis zum 23.4.1875 werden hier König Richard II., König Heinrich IV., König Heinrich V., König Heinrich VI. und König Richard III. gespielt. Dingelstedts Shakespeare-Inszenierungen basieren auf eigenen Übertragungen, wobei er sehr frei mit dem Original umgeht, sich von den ästhetischen Idealen Schlegels löst und versucht, einen bühnenwirksamen und volkstümlichen Shakespeare hervorzuheben. Die Shakespeare-Übertragungen machen einen Großteil der Werkausgabe Dingelstedts aus, wurden jedoch bereits von seinen Zeitgenossen als willkürlich und eigenmächtig taxiert.

Dingelstedts Biographie ebenso wie sein Œuvre scheint in zwei Teile zu zerfallen, ein oppositionelles Frühwerk, das mit entsprechenden Repressalien durch die Zensur geahndet wird, und ein angepasstes Dasein als Hofrat und Leiter diverser höfischer Theater. Der Mythos vom Wendejahr 1843 ist in der Dingelstedt-Forschung nach wie vor omnipräsent, eine objektive Betrachtung hingegen ist schwer, da viele seiner Texte in Zeitungen und Zeitschriften erschienen und damit nur schwer zugänglich sind oder nicht mehr existieren. Die 1877 erschienene Ausgabe der Sämmtlichen Werke in zwölf Bänden ist von Dingelstedt selbst zusammengestellt und die Texte sind zum Teil stark redigiert und entschärft. Andreas Gebhardt hat in seiner Dissertation (2004, 117ff) zu Recht darauf hingewiesen, dass es sich 1843 um keinen plötzlichen Gesinnungswandel handelt. Er charakterisiert auch den jungen Lehrer und Journalisten in Ricklingen, Kassel und Hersfeld als ausgesprochen karrieristisch und zeigt, dass der Revolutionär lediglich eine Facette neben dem arrivierten und traditionsverbundenen Dingelstedt ist, dem man in gewisser Weise Opportunismus vorwerfen könne. Paul Heidelbach behauptet bereits 1936, dass Dingelstedt nicht aus Überzeugung, sondern durch eine zufällige Zeitgenossenschaft zum politischen Dichter geworden sei. „Er hat sich nirgends zu einer politischen Ueberzeugung bekannt, sein Liberalismus [...] hatte seine Wurzel lediglich in ästhetischen Empfindungen.“ (Heidelbach 1936, 91) Somit kommt die Anstellung am Hof in Stuttgart nicht unerwartet, sondern ist vielmehr ein anderer Weg zu Berühmtheit und beruflichem Erfolg. Treffender als das Bild der Kehrtwende ist wohl das der lebenslangen inneren Zerrissenheit, die sich auch in folgendem Vierzeiler äußert, den Dingelstedt „An Paul Lindau, den Verfasser meines künftigen Nekrologes“ richtet:

   Wenn ihr mich (möglichst spät) begrabt,
   Sei dies auf meinem Stein zu lesen:
   Er hat zeitlebens Glück gehabt,
   Doch glücklich ist er nie gewesen.

Dr. Andreas Wicke, Kassel 2007


Literaturverzeichnis

a) primär (in Auswahl)

  • [anonym] Bilder aus Hessen-Kassel. In: Europa. Chronik der gebildeten Welt. 4 (1836). S. 69-80.
  • Gedichte. Kassel / Leipzig 1838.
  • Die neuen Argonauten. Ein komischer Roman. Fulda 1839.
  • Das Weserthal von Münden bis Minden. Kassel 1839.
  • Sechs Jahrhunderte aus Gutenbergs Leben. Kleine Gabe zum großen Feste. Kassel 1840.
  • [anonym] Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters. Hamburg 1841.
  • [mit Sylvester Jordan] Zeitstimmen aus Hessen. 1840-1848. Kassel 1848.
  • Das Haus der Barneveldt. Dresden 1850a.
  • Der Goethe-Tag. In: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 4.9.1850b. S. 3947-3949.
  • Nacht und Morgen. Stuttgart 1851.
  • Studien und Copien nach Shakspeare. Pest / Wien / Leipzig 1858.
  • Die Amazone. Stuttgart 1868.
  • Eine Faust-Trilogie. Dramaturgische Studie. Berlin 1876.
  • Sämmtliche Werke. 12 Bd. Berlin 1877.
  • Literarisches Bilderbuch. Berlin 1878.
  • Münchener Bilderbogen. Berlin 1879.
  • Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters. Studienausgabe mit Kommentar u. Einl. hg. v. Hans-Peter Bayerdörfer. Tübingen 1978.

b) sekundär
  • Bayerdörfer, Hans-Peter: Laudatio auf einen Nachtwächter. Marginalien zum Verhältnis von Heine und Dingelstedt. In: Heine Jahrbuch 1976. S. 75-95.
  • ders.: Michel und die Patrioten [Interpretation zu Dingelstedts Drei neuen Stücklein mit alten Weisen]. In: Gedichte und Interpretationen. Bd. 4. Vom Biedermeier zum Bürgerlichen Realismus. Hg. v. Günter Häntzschel. Stuttgart 1983. S. 253-262.
  • Chalaupka, Christiane: Franz Dingelstedt als Regisseur. Von der szenischen Stimmungsmalerei zum Gesamtkunstwerk. Wien 1958.
  • Dewald, Wilhelm: Dingelstedt's Haus der Barneveldt, auf seine Entstehung untersucht und gewürdigt. Marburg 1920.
  • Deetjen, Werner (Hg.) Franz Dingelstedt und Julius Hartmann. Eine Jugendfreundschaft in Briefen. Leipzig 1922.
  • Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981.
  • Gebhardt, Andreas: Der Salon. Ein kurhessisches Literaturblatt in den Presseverhältnissen des Vormärz. Frankfurt/Main 2004.
  • Geiger, Ludwig: Art. Franz Dingelstedt. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 47. S. 707-725.
  • Glossy, Karl: Aus der Briefmappe eines Burgtheaterdirektors. Mit einer biographischen Skizze und Anmerkungen. Wien 1925.
  • Heidelbach, Paul: Aus Franz Dingelstedts Sturm- und Drangzeit. In: Hessenland 1936. S. 185-192.
  • ders.: Franz Dingelstedts Ordnungsstrafe. In Hessenland 1914. S. 215-216.
  • ders.: Nachwort. In: Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten. Kassel 1931. S. 209-221.
  • Hofmann-Wellenhof, Andrea: Das Manuskript-Journal der Burgtheaterdirektion Franz von Dingelstedt. Autoren und ihre Theaterstücke 19. Dezember 1870 bis 15. Mai 1881. Wien 2003.
  • Joeckel, Alfred: Aus Dingelstedts Kasseler Zeit. Einige seither unbekannte Briefe des Dichters. In: Hessenland 1914. S. 242-247, 264-266 und 282-283.
  • John, Hans: Unveröffentlichte Briefe Fran Liszts an Franz Dingelstedt. In: Beiträge zur Musikwissenschaft 16 (1974). S. 137-153.
  • Julius Campes Briefe an Franz Dingelstedt. In: Zeitschrift für Bücherfreunde. Neue Folge, VI. Jg. (1914/15) 2. Teil. S. 315-324.
  • Kaune, Maria: Franz Dingelstedts Münchner Jahre. In: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 66-73.
  • Klostermann, Bernhard: Franz Dingelstedt. Sein Jugendleben und die Entwicklung seiner politischen Lyrik. Münster 1912.
  • Knudsen, Hans: Aus Dingelstedts hessischer Jugendzeit. Bad Nauheim 1964.
  • ders.: Aus Franz Dingelstedts Fuldaer Zeit. In: Hessenland 1914. S. 181-185.
  • Kühn, Joachim: Kassel in Dingelstedtscher Beleuchtung. In: Hessenland 1914. S. 177-181 und 196-199.
  • Liebscher, Otto: Franz Dingelstedt. Seine dramaturgische Entwicklung und Tätigkeit bis 1857 und seine Bühnenleitung in München. Halle 1909.
  • Lothar, Rudolph: Franz Dingelstedt in Wien. Wieder abgedruckt in: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 81-89.
  • Mayr, Otto: Die Prosadichtung Franz Dingelstedts. Augsburg 1926.
  • Pfeiffer-Belli, Wilhelm: Goethes Faust I in Dingelstedts Bearbeitung. In: Der neue Weg 60 (1931). S. 46-48.
  • Rademacher, Eva: Franz Frhr. von Dingelstedt – eine biographische Skizze. In: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 9-32.
  • Rinne, Jürgen: Dingelstedt als Gymnasiast in Rinteln. In: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 34-42.
  • Rodenberg, Julius: Heimatherinnerungen an Franz Dingelstedt und Friedrich Oetker. Berlin 1882.
  • ders.: Franz Dingelstedt. Blätter aus seinem Nachlaß. Berlin 1891.
  • Roenneke, Rudolf: Franz Dingelstedts Wirksamkeit am Weimarer Hoftheater. Ein Beitrag zur Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts. Greifswald 1912.
  • Schoof, Wilhelm: Schoof, Wilhelm (Hg.): Briefwechsel zwischen Dingelstedt und Freiligrath. In: Westfälische Zeitschrift 96 (1940a). S. 187-226.
  • ders.: Dingelstedt und Freiligrath. Nach unveröffentlichten Briefen des Goethe-Schillerarchivs in Weimar. In: Westfalen 29 (1951) 1. S. 77-86.
  • ders.: Dingelstedts Plan einer neuen Shakespeare-Übersetzung. In Shakespeare-Jahrbuch 76 (1940b). S. 137-160.
  • ders.: Franz Dingelstedt als Gymnasiallehrer in Fulda. Wieder abgedruckt in: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 51-56.
  • ders.: Franz Dingelstedt in Weimar. Wieder abgedruckt in: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 74-80.
  • ders.: Franz Dingelstedt und die Brüder Grimm. In: Hessenland 1931. S. 134-136.
  • Sperling, Hans: Franz Dingelstedts Lyrik auf ihre Quellen und Vorbilder untersucht. Münster 1927.
  • Stiepka, A.: Franz Dingelstedt als Direktor des Hofburgtheaters. Wien 1949.
  • Stockmayer, Karl von: Die Stuttgarter Jahre Franz von Dingelstedts 1843-1850. Gekürzte Wiedergabe in: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 57-64.
  • Uhtenwoldt, Hermann: Franz Dingelstedt als Marburger Student. Wieder abgedruckt in: Franz Frhr. von Dingelstedt. Der Dichter des Weserliedes. Zusammengest. u. bearb. v. Edmund Sindermann. Rinteln 1981. S. 43-48.
  • Wicke, Andreas: „Schlafe wohl, du kalte schöne Stadt“. Franz Dingelstedt im Kasseler Vormärz. In: Hessen langsam. Orte gedehnter Zeit. Hg. v. Martin Maria Schwarz / Ulrich Sonnenschein. Marburg 2006. S. 126-130.

c) weitere zitierte Literatur
  • Brinitzer, Carl: Das streitbare Leben des Verlegers Julius Campe. Hamburg 1962.
  • Broch, Hermann: Hofmannsthal und seine Zeit. In: ders.: Dichten und Erkennen. Essays. Bd. 1. Hg. u. eingel. v. Hannah Arendt. Zürich 1955. S. 43-181.
  • Engel Eduard: Geschichte der Deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Bd. 28. Aufl. Wien / Leipzig 1918.
  • Heine, Heinrich: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. Hg. v. Klaus Briegleb. 5. Aufl. Frankfurt/Main 1997.
  • Herwegh, Georg: Nacht und Morgen [Rezension von 1851]. http://gutenberg.spiegel.de/herwegh/essays/nachtund.htm (18.6.2006)
  • Wellhausen, Barbara: Friedrich Hebbel. Sein Leben in Texten und Bildern. Heide 1988.

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