| Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon |
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Kriege, Hermann
Im Sommersemester 1840 studierte Kriege Medizin in Bonn. Danach folgten vier Semester in Leipzig, gegen deren Ende der Wechsel von der Medizin zur Philosophie erfolgte. Die Hinwendung zur Philosophie erklärt sich aus Krieges Beschäftigung mit dem Junghegelianismus und der Bekanntschaft mit Robert Blum, Theodor Fontane, Arnold Ruge und natürlich Ludwig Feuerbach. Gleichzeitig engagierte sich Kriege in der Leipziger Burschenschaft, die sich dem Progreß zuwandte. Kriege nahm dort bald eine führende Stellung ein und unterhielt ein verzweigtes Korrespondentennetz zu Studenten an anderen Universitäten. Diese Aktivitäten gingen mit reger Reisetätigkeit einher. Zum Wintersemester 1842/43 wechselte Kriege auf die Universität München und setzte alle seine politischen und burschenschaftlichen Umtriebe fort. Im Zusammenhang damit wurde er im März 1843 verhaftet und im Sommer 1843 mit der Universitätsstrafe der Dimission belegt. Somit konnte Kriege seinen Plan, an der Universität zu Berlin zu studieren, nicht weiter verfolgen. Die preußischen Behörden verwiesen Kriege aus Berlin, wo er noch in die Gründung eines oppositionellen studentischen Leseverein involviert war, und zwangen ihn zur Ableistung seines Wehrdienstes. Kriege trat im Oktober 1843 als Einjährig-Freiwilliger in ein preußisches Bataillon in Bielefeld ein. Dort in Ostwestfalen hatte sich um Otto Lüning, Rudolf Rempel und Julius Meyer ein Kreis demokratischer Oppositioneller gebildet, die von Marx und Engels dem wahren Sozialismus zugeordnet wurden. Kriege publizierte nun unregelmäßig in dem Organ dieses Kreises, dem Weser-Dampfboot (1844), dann dem Westphälischen Dampfboot (1845-1848). Diese journalistische Tätigkeit in Verbindung mit anderen Aktivitäten führte im Frühsommer 1844 zur erneuten Verhaftung Krieges. Erst nach seiner Entlassung aus dem Militär im September 1844 erging ein Urteil über ein halbes Jahr Festungshaft. Weitere Verfolgungsmaßnahmen in Preußen zwangen Kriege im Frühjahr 1845 zur Flucht. Sie führten ihn zu Engels in (Wuppertal-)Barmen, zu Marx in Brüssel und schließlich zum deutschen Arbeiterbildungsverein in London. An dessen Diskussionen (vor allem über Weitlings Theorien) nahm Kriege regen Anteil. Im Spätsommer 1845 ließ sich Kriege in New York nieder, reorganisierte die dortige desolate Gemeinde des Bundes der Gerechten, führte sie jedoch schnell in die (exil-deutsche) Sozial-Reform-Assoziation über, dem Pendant der amerikanischen National Reform Association, die eine radikale Bodenreform propagierte. Zur Unterstützung gab Kriege in New York wöchentlich den Volks-Tribun heraus. Die pathetische Sprache, die er darin pflegte, in Verbindung mit den „unkommunistischen“ Ideen der Bodenreform führten im Mai 1846 zu dem (infamen) Verdikt von Marx und Engels über Kriege, dem „Zirkular gegen Kriege“. Kriege konnte sein Wochenblatt nur ein Jahr halten. Es ging Ende des Jahres 1846 ein, obwohl Kriege noch kurz zuvor Wilhelm Weitling für die Redaktion des Blattes hatte gewinnen können. Kriege zog sich 1847 weitgehend aus der vorderen Front der Sozial-Reform-Assoziation zurück und wandte sich einem neuen Projekt zu: Er wollte den deutschen Arbeitern in den USA die amerikanischen Founding Fathers nahe bringen: Die Väter unserer Republik. Diese Arbeit (in Fortsetzungsheften) gedieh von Sommer 1847 bis Anfang 1848 jedoch nicht über Biografien und Werkauszüge von Benjamin Franklin und Thomas Paine hinaus. Die Rezeption dieser Arbeit war durchweg positiv, da sie Krieges Verknüpfung von (nun gemäßigten) sozialistischen Ideen mit amerikanischen Freiheitsidealen darstellte. Mit Beginn der Revolution 1848 kehrte Kriege nach Deutschland zurück. Im Juni 1848 nahm er am ersten Kongress der demokratischen Vereine in Frankfurt teil. Dort wurde er sogleich in den 5-köpfigen Zentralausschuss gewählt, der seinen Sitz noch im Sommer nach Berlin verlegte. Um die Organisation zu stärken und um Geld für sie einzutreiben, unternahm Kriege im Spätsommer eine Rundreise durch Nordwestdeutschland. Die Reise war politisch ein mäßiger Erfolg, obwohl Kriege alle Anstrengungen unternahm, die demokratische Vereinsstruktur zu stärken. Im Oktober fand in Berlin der zweite demokratische Kongress statt, auf dem Kriege wegen der ihm zugewachsenen Rolle (einzig verbliebenes aktives Mitglied im engeren Zentralausschuss) eine herausgehobene Position einnahm. Auf dem Kongress geriet Kriege in die Kritik der sog. „roten“ Republikaner, als er für ein Bündnis von fortschrittlichen Bürger und Arbeitern eintrat. Sein pessimistisches Urteil, dass das Proletariat zur selbsttätigen politischen Aktion noch nicht in der Lage sei, war es vor allem, was die Kritiker von links auf den Plan rief. Der zweite demokratische Kongress wählte zwar einen neuen Zentralausschuss, endete aber ansonsten in Zwistigkeiten, die manchmal chaotische Zustände produzierten. Krieges politische Mission in der Revolution endete praktisch mit diesem Kongress. Schon während seiner Agitationsreise im Spätsommer hatten ihn Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit der republikanischen und sozialen Ziele der „Demokratischen Partei“ erfasst. Der schlechte Verlauf des Kongresses in Berlin sowie die preußische Reaktion ab Oktober/November 1848 ließen Kriege resignieren. Er beschloss, mit Frau und Tochter (Mathilde Kriege, geb. von Sparre von Wangenstein; Alma * 1847 in New York) in die USA zurück zu kehren. Im Juni 1849 war Kriege zurück in New York. Da er dort keine Arbeit fand, trat er im Herbst eine Redakteursstelle bei der Illinois Staats-Zeitung in Chicago an. Diese Aufgabe übte er ungefähr ein halbes Jahr aus, als eine Geisteskrankheit bei ihm ausbrach. Mathilde Kriege brachte ihren Mann nach New York zurück, wo sie ihn alsbald in die Obhut eines Pflegeheimes geben musste (Bloomingdale Asylum). Dort starb Hermann Kriege am 31.12.1850. In den ersten Tagen des neuen Jahres wurde er auf dem Green Wood Cemetery in New York beerdigt. Sein Grab befindet sich noch heute dort. Kriege war kein ausgesprochener Theoretiker. Im Laufe seines kurzen Lebens begeisterte er sich für viele Dinge. Von Dauer ist sein demokratisch-soziales Engagement ab 1847, wie er es in den Vätern unserer Republik niederlegte und wie er es auch im Verlauf der Revolution durchhielt. Er war ein Mann der politischen Praxis als Organisator und Redner. Kriege ist von seinen Zeitgenossen viel Unrecht geschehen. Hier sind an erster Stelle Marx und Engels zu nennen. Ihre „Herrschaft über die Begriffe“ hatte Langzeitwirkung bis zur Rezeption durch die DDR-Historiografie. Einige Urteile vor 1989 und danach allerdings bemühten sich um Differenzierung.
Alfred Wesselmann
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