| Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon |
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Pückler-Muskau, Hermann (Ludwig Heinrich) Graf von (ab 1822 Fürst)
Vater: Ludwig Graf P auf Branitz, 1754-1811. Mutter: Clementine Reichsgräfin Callenberg auf Muskau, 1770-1850 (ab 1800 Gräfin Seydewitz). Aus einem zerstrittenen Elternhaus siebenjährig in das Herrenhuter Internat in Uhyst (Bautzen) gegeben (erstes Interesse für Gartenpflege), besuchte P ab 1797 das Pädagogium in Halle, anschließend das Dessauer Philantropin, immatrikulierte sich 1801 an der juristischen Fakultät der Universität Leipzig und trat nach wenigen Semestern als Leutnant bei den feudalen Gardes-du-corps in Dresden ein. Extravaganzen, Verschwendungssucht und Spielverluste zwangen den „tollen Pückler“ zur Quittierung des Dienstes als Rittmeister, nachdem die geforderten exorbitanten Zahlungen aus Muskau ausblieben. Nach gesundheitlichen Krisen und unter der elterlichen Androhung der Enterbung brach P mit dem Decknamen „Sekretär Hermann“ und einem minimen Jahreswechsel zu einer jahrelangen Reise durch die Schweiz, Frankreich und Italien auf, vielfach zu Fuß und bis Rom in Begleitung Alexander von Wulffens, dem er die erst 1835 veröffentlichten tagebuchartigen Erinnerungen an diese Jugendwanderungen widmete. Zögernd und mit Umwegen über Paris und Weimar (erster Besuch bei Goethe) folgte er dem väterlichen Ruf zur Heimkehr. Nach dem Tod des Vaters übernahm er 1811 die schwer verschuldete, allein mit 60.000 Talern Kriegskontributionen belastete Standesherrschaft (ein Gebiet von nahezu 1000 ha, die Stadt Muskau und ca. 37 Dörfer). Das von Hungersnot und Epidemien heimgesuchte, durch wechselnden Durchzug und Einquartierung preuß., russ. und franz. Truppen an den Rand des Ruins gebrachte Muskau stellte P unter die Verwaltung seines Jugendfreundes, des Dichters Leopold Schefer (1784-1862). 1813 trat er als Generaladjutant des Großherzogs von Weimar und Verbindungsoffizier zum Zaren wieder in militärische Dienste, in denen er sich mehrfach auszeichnete. Ein zeitgenössischer Bericht über ein „homerisches Duell“ ist bezeichnend für Ps später noch mehrfach bewiesene Tollkühnheit: „Er nahm dem Feind mehrere Kanonen ab, und einem französischen Husarenobersten, der weit vor die Fronte vorgekommen war, ritt er ganz allein entgegen, den angetragenen Zweikampf unter dem ruhigen Zuschauen der beiderseitigen Truppen aufnehmend, focht eine Zeit lang mit ihm herum und hieb ihn zuletzt nieder.“ (Convers. Lexikon der neuesten Zeit und Literatur, Lpz. 1833, Art. Pückler). Zum Oberstleutnant befördert, versah er das Amt eines Militär- und Zivilgouverneurs in Brügge, stand nach dem Friedensschluss dem Zaren in Paris zur Verfügung und bereiste, ins Privatleben entlassen, England. Die dortigen polit. Institutionen, vor allem aber die schon im 17. Jh. berühmte engl. Parkkultur, wurden wegweisend für seine späteren Ansichten und Unternehmungen. Zurückgekehrt, beginnt P mit einem „1. Mai 1815“ datierten Aufruf „An die Bewohner Muskaus“ seinen Parkplan zu verwirklichen, für den er zeitweise 200 Arbeitskräfte beschäftigt. Durch die Beschlüsse des Wiener Friedens an Preußen gefallen, erwachsen der vormals sächsischen Standesherrschaft im bürokrat. Beamtenstaat Preußen und mit der schon 1807 erfolgten Aufhebung der Leibeigenschaft neue Belastungen. Die ursprünglich 970 ha große Besitzung wird durch Hinzukauf städt. Partien auf ca. 1250 ha arrondiert, durch monumentale Erdbewegungen und Verpflanzungen großer Baumgruppen nach engl. Vorbild sowie der Verlegung der das Gelände durchfließenden Neiße (Auswirkungen auf die Oder-Neiße-Linie nach 1945!) neu gestaltet; alte Bauten werden abgerissen, mit dem befreundeten Berliner Architekten Schinkel Um- und Neubauten des Schlosses projektiert. Trotz der Erträge von Schafzucht, Alaun-Vorkommen und Mineralquelle, die ihm den Ausbau des Bades erlaubten, sah sich P bald am Ende seiner finanziellen Ressourcen. Zur gleichen Zeit fällt der unverbesserliche Dandy im häufig besuchten Berlin wieder durch exzentrische Aktionen auf: Mit dem Luftschiffer Reichhard unternimmt er eine von ihm später selbst geschilderte Ballonfahrt; durch Berlins Prachtsstrasse, die Linden, lässt er sich von vier zahmen Hirschen fahren, um dann lesend vor dem berühmten Kranzler zu parken. Eingeführt in den Salon der (noch nicht geschiedenen) Gräfin Pappenheim, macht er Lucie und ihren Töchtern den Hof. um schließlich zur allgem. Überraschung die Mutter zu heiraten. Die Mitgift der verwöhnten und wie P verschwenderischen Lucie von Hardenberg soll die Verwirklichung der ehrgeizigen Parkpläne Ps vorantreiben, ist jedoch bald durch die ambitiöse hocharistokratische Lebensführung des Paares aufgebraucht. 1822 wird P vom Staatskanzler Hardenberg, seinem Schwiegervater, in den Fürstenstand erhoben, ohne dass diese Auszeichnung materielle Vorteile mit sich bringt. Die angeblich von der Gattin vorgeschlagene vom König gutgeheißene Pro-forma-Scheidung soll die Möglichkeit einer reichen engl. Heirat schaffen. 1826 bricht P nach England auf, um von dort in eingehenden intimen Briefen an die die Muskauer Arbeiten überwachende Lucie von seinen Reiseeindrücken zu berichten. Die tagebuchartigen Mitteilungen über den zum Scheitern verurteilten eigentlichen Reisezweck weiten sich aus zu einer kaleidoskopartigen Spiegelung des gesellschaftl., polit. und industriellen England. Von den befreundeten Varnhagens redigiert, werden die nach seiner Rückkehr pseudonym herausgegebenen Briefe eines Verstorbenen nicht nur zu einem sensationellen literarischen Ereignis, sondern auch zu einem unerwarteten finanziellen Erfolg. Auf den Geschmack des von den Schriftstellern des Jungen Deutschland zunächst als zukunftsweisend begrüßten Schreibens gekommen, publizierte er in den folgenden Jahren auf unterschiedlichem Niveau; zunächst Tutti-Frutti, eine Sammlung ausufernder Erlebnisschilderungen und fiktionaler Erzählungen à la E.T.A. Hoffmann, zwischen denen er seine sehr persönlich motivierte Kritik am preuß. Verwaltungssystem artikulierte (Laube warnt ihn 1836 davor, „Sklave seines Stoffes“ zu werden). Die im gleichen Jahr 1834 erschienenen Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, in denen er Konzept und Zukunft der Muskauer Parkanlagen zu einem Modellfall engl. Gartenkunst auf deutschem Boden erhob, wurden zu einem kostbar gestalteten Lehrbuch der Landschaftsarchitektur. An einer geplanten Amerika-Reise durch eine seiner zahlreichen Duellaffären verhindert, wendet sich der Ruhelose dem afrikanischen Kontinent zu. Über diese und vorausgegangene westeuropäische Streifzüge berichtete der „Verstorbene“ unter dem vieldeutigen Pseudonym „Semilasso“. Nach Expeditionen von Algier und Tunis aus ins Landesinnere reist der immer wieder Seekranke Ende 1835 nach Griechenland, das er von Patras aus in kühnen Ritten bei Schnee und großer Winterkälte durchquert. In Athen verkehrt er am Hof des jungen König Otto, plant einen neuen Landschaftsgarten in Mistra, kreuzt zwischen den griech. Inseln bis Kreta und folgt 1837 einer wahrscheinlich von Prokesch-Osten vermittelten Einladung des berühmt-berüchtigten türkischstämmigen Vizekönigs von Ägypten, Mehemed Ali, der ihm und seiner bunten Begleitgruppe eine Nilreise nach Oberägypten ermöglicht, um ihm danach auf einer Inspektionsreise die zivilisatorischen Reformen des Landes zu demonstrieren. Kurz zuvor hatte P auf einem Kairoer Sklavenmarkt eine etwa zwölfjährige nubische Schönheit erworben, die ihm bald unentbehrliche Reisegefährtin, Tochter und Geliebte wurde, bis ihr das rauhe Klima Muskaus 1840 den frühen Tod brachte. 1838 machte P auf der Durchreise in Libanon Lady Stanhope seine Aufwartung, eine Begegnung, die, wie auch seine ganze oriental. Karawane, die Federn der europäischen Karikaturisten in Bewegung setzte (so vor allem diejenige des baltischen Schriftstellers u. Malers Alexander v. Ungern-Sternberg in Tutu). 1839 konvertierte der gewöhnlich in oriental. Kostüm auftretende Fürst auf der Rückkehr in Budapest zum kath. Glauben. 1845 trennt er sich nach jahrelangen Verkaufsverhandlungen von Muskau und entschließt sich, den Stammsitz seiner Väter - Branitz - als neue Residenz für sich und die „Schnucke“, auch nach der Scheidung seine Lebensgefährtin, zu übernehmen. Dort gestaltet er in einer ursprünglich flachen, reizlosen Einöde wiederum durch bedeutende Erdbewegungen und Anpflanzungen einen neuen Landschaftspark, in dem auch Reisezitate wie kleine Pyramiden nicht fehlen. Durch Umbau von Gottfried Semper gewann schließlich das verödete Barockschloss wieder fürstl. Ansehen. In den folgenden Jahrzehnten beschäftigte P auf seiner Besitzung (nach der Arrondierung durch weitere Landkäufe ca. 600 ha groß) ganze Kolonnen von Cottbusser Strafgefangenen für seine Landschaftsveränderungen, Unternehmungen, die er immer wieder für Reisen in Deutschland, Österreich und Frankreich unterbrach. Der Fürst wird als Berater der Höfe von Weimar (Ettersburg), Babelsberg und Paris (Bois de Boulogne) zugezogen. 1866 nahm er wieder aktiv im preuß. Generalstab am preuß.-österr. Krieg teil. Mit Varnhagens Nichte, Ludmilla Assing, sichtete er in den 60er Jahren seinen immensen literar. Nachlass in Branitz, wo 1854 Lucie verstorben war. 1863 wird er noch einmal das von seinem einstigen Gartendirektor Petzold gepflegte Muskau wiedersehen. Seine schriftstellerische Arbeitskraft erschöpft sich nun in einer ausgedehnten Korrespondenz, u. a. mit Bettina von Arnim, Ida Hahn-Hahn, Eugénie Marlitt und Ada von Treskow. Im Februar 1871 werden seine sterblichen Überreste genau nach seinen Bestimmungen im Tumulus des Branitzer Parkes beigesetzt. Ps bleibende Bedeutung liegt in seinen zum Teil nur fragmentarisch erhaltenen, wegweisenden Parkschöpfungen. Er selber verstand sich in seiner landschaftsarchitektonischen Tätigkeit als Künstler, der ästhetische Visionen in die Wirklichkeit umsetzte. Zu seinen Lebzeiten genoss er in erster Linie den Ruf als aristokratischer Lebemann, homme à femme und abenteuertich Reisender, als der er sich mit seinen Büchern immer von neuem in Erinnerung brachte. Seine schriftstellerische Produktion, deren materieller Erfolg vor allem seinen Muskauer Parkarbeiten zugute kam, genoss unterschiedliche Beurteilung: Dank dem positiven „Rezensionskartell“ Goethes und Varnhagens (Wulf Wülfing) gelang er mit den Briefen eines Verstorbenen (1830-1832) zu internationalem Ruhm, der ihn zu allzu raschen und der Selbstzensur ermangelnden Folgen anregte. Seine zur Schau gestellte Individualität, der franz. nachlässige Konversationston, mit dem er ungewohnte Einblicke in das hocharistokratische Gesellschaftsleben ebenso wie in landschaftlich abgelegene Zonen gewährte, wie die elegante Satire auf soziale und religiöse Konventionen wirkten auf die Vertreter der jungen Literatur neu und erfrischend, seine positive Rezeption der industriellen Revolution in England ließen ihn als „Wegweiser für das 19. Jahrhundert“ erscheinen (Heinrich Laube). P Kavalier und Standesherr im Stil des 18. Jh. spielte, ohne seine aristokratische Grundhaltung zu verleugnen, mit den fortschrittlichen Ideen des 19. Jh. Seine England-Erfahrungen schlugen sich nicht nur in seiner Parkkonzeption nieder, sie regten ebenso sein Bekenntnis zur konstitutionellen Monarchie an. Dennoch blieb seine politische Orientierung, bestimmt von der biograph. Ausgangslage, voller Widersprüche: Er vertrat die Wiedereinführung der Majoratsordnung für Preußen, trat für die Emanzipation der Juden, aber nur für eine gemilderte Reform des Sklavenwesens wie des Strafvollzugs ein. Die Berliner Frömmler setzte er erbarmungsloser Kritik aus, das Recht der von Verelendung bedrohten kath. Iren verteidigte er gegenüber ihren anglikan. Unterdrückern. Fasziniert von den techn. Errungenschaften der brit. Industrie ebenso wie von den mit autoritären Maßnahmen durchgeführten Reformprojekten im Ägypten Mehemd Alis, ignorierte sein berühmter selektiver ästhetischer Blick (Rainer Gruenter) die soziale Kehrseite dieser Entwicklungen. Luxusverwöhnt, mit narzisstischen Neigungen (so auch das Untersuchungsergebnis des Londoner Craniologen Deville) und nekrophilen Interessen (nächtlicher Besuch in der Ahnengruft), mit ungewöhnlichem mentalen und physischen Durchhaltewillen begabt, produzierte P seine ausufernden Reiseberichte unter den schwierigsten Umständen. Sein 1840 veröffentlichtes griech. Reisetagebuch mit der Schilderung des winterlichen verarmten Griechenland zeichnet sich aus durch seine vorurteilsfreie „antiklassische Position“ (K.G. Just), die P selbst in der Niederschrift seines Vorworts für sich in Anspruch nimmt: „Ich hoffe, es wird niemand so unchristlich sein, an die folgenden Rhapsodien dieselben Ansprüche wie an ein schulgerechtes Werk über Griechenland zu machen. Die Schule ist mir fremd, ich singe nur, wie der Vogel auf dem Zweige singt, ohne Kunst noch Mühe.“ Als das formal geschlossenste seiner Reisewerke erscheint der Bericht der Ägyptenreise; die ihn zum Teil auf Champollions Spuren in den Bereich des Blauen Nils führte. Es ehrt ihn, die 1837 als Reisebegleiter des damaligen Vizekönigs wahrgenommene Erneuerung Ägyptens 1844 nach Mehemed Alis Sturz veröffentlicht zu haben.
Inge Rippmann
Standorte des Nachlasses
Literatur, zeitgenössisch.
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