Autorinnen und Autoren des Vormärz – ein Online-Lexikon

Georg [Ludwig] Weerth

Geboren am 17. Februar 1822 in Detmold als Sohn des evangelischen Pfarrers und geistlichen Generalsuperintendenten für das Fürstentum Lippe, Ferdinand Weerth (1774-1836), und seiner Ehefrau Wilhelmine geb. Burgmann (1785-1868). Der Vater stammt aus Gemarke bei Barmen, die Mutter aus Mülheim/Rhein. Geschwister: Carl (1812-1889), Naturwissenschaftler und Gymnasialprofessor in Detmold; Charlotte (1814-1836), verheiratet mit August von Cölln; Wilhelm (1815-1884), Pfarrer in Blomberg und in Oerlinghausen; Ferdinand (1825-1897), Kaufmann in Berlin.

Besuch des Detmolder Gymnasiums bis Sekunda; Unterricht u.a. bei Christian Friedrich Falkmann. Jugendfreundschaft mit Theodor Althaus. 1836-1840 kaufmännische Lehre in Elberfeld; Weerth lernt autodidaktisch Englisch und Französisch. Freundschaft mit Hermann Püttmann; Mitglied im Literaten-Kränzchen um Ferdinand Freiligrath. Von Anfang 1840 bis Januar 1841 ist er Buchhalter bei der Firma Graf Meinertshagen in Köln. Stadt- und kunstgeschichtliche Studien. Erste Gedichtveröffentlichung: »Der steinerne Knappe«, in Tausend und eine Rheinsage. Rheinischer Sagen- und Liederschatz (Hg. von J.B. Rousseau. Düsseldorf 1841].

Ab Januar 1842 Korrespondent im Geschäft des Fabrikanten Friedrich aus’m Weerth (1779-1852), eines Vetters seines Vaters. Als Gasthörer an der Universität Bonn hört Weerth u.a. Vorlesungen der Professoren Loebell (Neuere Literatur), Düntzer (Goethes Faust), A.W. Schlegel (Kunstgeschichte), Kinkel (Kirchengeschichte). Bekanntschaft mit Karl Simrock (1802-1876). Veröffentlichung weiterer Gedichte (»Froh und frei, furchtlos und treu!«; »Leb wohl«, »Lockenraub« »Die Rose im Walde«, »Die Schenke«). Nachdem Weerth beim Ordnen von Akten seines Onkels Friedrich aus’m Weerth, der auch Abgeordneter des rheinischen Landtages ist, erkennt, daß der Bonner Bürgermeister Oppenhoff, ein enger Freund des Onkels, die Öffentlichkeit in Fragen der Pressefreiheit und der Judenemanzipation getäuscht hat, trägt er zur Aufdeckung des Skandals bei und bittet anschließend um seine Entlassung.

Ende September 1843 erste Reise nach England; Reisebericht »Von Köln nach London« in der Kölnischen Zeitung (28/30.10.1843). Nach kurzem Aufenthalt in Detmold Übersiedlung nach Bradford, Yorkshire. Dort kaufmännischer Angestellter der Firma Passavant & Co., Manchester. 1844/1845 Freundschaft mit Friedrich Engels (1820-1895) und dem Armenarzt John Little McMichan; Kontakt zu dem Arbeiterführer John Jackson (1795-1875). Lektüre während des Aufenthalts in Bradford: Deutsch-Französische Jahrbücher (hg. von Karl Marx und Arnold Ruge) sowie die Schriften von Ludwig Feuerbach, Adam Smith, Thomas Robert Malthus u.a.; Veröffentlichungen: »Englische Reisen«, »Ein Jahrmarkt in Yorkshire«, »Die Armen in der Senne«, »Lieder aus Lancashire«, »Das Blumenfest der englischen Arbeiter«. Arbeit an einem (Fragment gebliebenen) Roman, in dem er ein Gesamtbild der deutschen Gesellschaft während der Industrialisierung entwerfen will. Im Juli 1845 bricht Weerth, dem das rauhe Klima in Bradford zu schaffen macht, zu einer Erholungsreise nach Paris auf, muß aber wegen eines geringfügigen Unfalls in Brüssel einen Arzt aufsuchen. Dort, vermittelt durch Engels, nähere Bekanntschaft mit Marx. Ende August Rückkehr nach Bradford. Es erscheinen die Gedichte »Das Nackte«, »Freund Lenz«, »Die Natur«, »Vernunft und Wahnsinn«.

Weerth beginnt mit der Niederschrift der Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben, deren Hauptfigur Preiss deutlich als Karikatur von Friedrich aus’m Weerth angelegt ist.

Im April 1846 Übersiedlung nach Brüssel, wo sich auch Marx und Engels aufhalten. Geschäftsreisen als Handelsvertreter der Textilfabrik Emanuel & Son, Bradford, innerhalb Belgiens sowie nach Holland und Frankreich. Veröffentlicht werden u.a. die Berichte »Das englische Armenwesen« und »Das Parlament der englischen Arbeiter«. Während des internationalen Freihandelskongresses, der vom 16. bis 18. September 1847 in Brüssel tagt, hält Weerth eine flammende Rede im Namen des Proletariats, die stark beachtet und in mehreren europäischen Zeitungen wörtlich abgedruckt wird. Ende November reist er zusammen mit Marx und Engels nach London zum Kongreß des Bundes der Kommunisten; Ende Februar 1848 Reise nach Paris, um sich ins revolutionäre Geschehen zu mischen. Ende April/Anfang Mai Umzug nach Köln, dort Feuilletonchef der seit dem 1. Juni 1848 erscheinenden, von Marx herausgegebenen Neuen Rheinischen Zeitung, in der er nicht nur die zweite Hälfte der Humoristischen Skizzen veröffentlicht (die Kapitel 1-4 waren um die Jahreswende 1847/48 in der Kölnischen Zeitung erschienen), sondern auch zahlreiche kürzere Prosasatiren und satirische Gedichte, etwa »Heut morgen fuhr ich nach Düsseldorf« und »Ich wollt, ich wär Polizeiminister«. Die zehn Monate, in denen Weerth das Feuilleton der Neuen Rheinischen Zeitung leitet, stellen seine literarisch produktivste Lebensphase dar.

Der in Fortsetzungen (8.8.1848-21.1.1849) erscheinende Roman Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski (der erste deutsche Feuilletonroman) trägt Weerth eine gerichtliche Klage wegen Beleidigung des Fürsten Felix Lichnowsky ein. Anfang 1849 ist Weerth geschäftlich in Hamburg und fährt von dort aus nach London und Lüttich. Im April besuchte er Ferdinand Lassalle im Kölner Gefängnis. Am 19. Mai erscheint die letzte Nummer der Neuen Rheinischen Zeitung, mit Weerths »Proklamation an die Frauen«. Reise über Lüttich nach Paris, von dort aus über Belgien und die Niederlande nach Detmold. Dort erreicht ihn das Gerichtsurteil im Schnapphahnski-Prozeß: drei Monate Haft sowie eine Geldstrafe, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre und Beteiligung an den Verfahrenskosten. Weerth reist zunächst nach Hamburg, um mit der dortigen Niederlassung von Emanuel & Son seine berufliche Zukunft zu klären; Weiterreise nach London, von dort aus im August nach Paris; Ausweisung aus Belgien; Gründung eines eigenen Handelskontors in London. Umgang mit politischen Emigranten.

Weil die Verurteilung seine – auch geschäftlich notwendige – Bewegungsfreiheit in Deutschland allzusehr einschränkt, stellt sich Weerth mit Einverständnis seiner Firma in Köln den preußischen Behörden und verbüßte zwischen März und Mai 1850 seine Haftstrafe im Gefängnis Klingelpütz. Am 2. August Rückreise nach England, von dort aus nach kurzem Aufenthalt mehrmonatige Geschäftsreise nach Portugal und Spanien. Auf dem Rückweg im Februar 1851 in Paris. Besuch beim bewunderten und verehrten Heinrich Heine (1797-1856). Von Paris über Köln nach Hamburg; weitere Geschäftsreisen in West- und Mitteleuropa. Ende März 1852 erster Aufenthalt in Berlin; im Mai in Leipzig erste Begegnung mit Betty Tendering (1831-1902), Cousine zweiten Grades und Schwägerin des Verlagsbuchhändlers Franz Duncker, die einige Monate zuvor von Gottfried Keller (1819-1890) heftig umworben worden ist. Nach bedeutenden Spekulationsverlusten der Firma Emanuel & Son und einer kurzen Tätigkeit bei der ebenfalls im Fernhandel tätigen Firma Vidal reist Weerth im November/Dezember 1852 im Auftrag der Textilfirma Steinthal & Co., Manchester, nach kurzen Aufenthalten in Detmold und London zu den Westindischen Inseln. Am 19. Dezember erreichte er die Insel St. Thomas, den Ausgangspunkt seiner weiteren Geschäftsreisen durch Nord-, Mittel- und Südamerika in den Jahren 1853 bis 1855. Im Juni 1855 trifft er wieder in London ein und reist nach Hamburg weiter. In Köln und Elberfeld Ende September Wiedersehen mit Betty Tendering, die seinen Heiratsantrag abweist. Darauf letzter Besuch bei der Familie in Detmold. Am 10. Oktober Abreise nach Paris; dort erneutes Treffen mit Betty. Weiterfahrt über London nach Manchester, um die zweite Überseereise vorzubereiten. Nach einem Brief, in dem Betty den Kontakt als endgültig beendet erklärte, reist Weerth Anfang November überstürzt nach Marseille, wo Betty sich zu dieser Zeit aufhält. Auch diese Aussprache ändert nichts; Rückfahrt nach Manchester. Von dort aus Mitte des Monats Aufbruch nach den Westindischen Inseln, wo er am 2. Dezember ankommt. Im März Übersiedlung nach Havanna; Erkundungsreise auf Kuba. Mai bis Juli: Reise zur Republik Santo Domingo und in das Kaiserreich Haiti, beide auf der Insel Hispaniola gelegen und miteinander im Kriegszustand. Malariainfektion. Rückkehr nach Kuba Mitte Juli; nach 6-7 Tagen Bewußtlosigkeit stirbt Weerth am Morgen des 30. Juli 1856.

Weerths Werkbiographie ist sehr deutlich in drei Phasen gegliedert: Auf inhaltlich anspruchslose und formal konventionelle Geselligkeits- und Gelegenheitslyrik folgt mit der ersten Englanderfahrung (1843) ein Abschnitt mit sozial engagierten Gedichten und Prosaskizzen. Mit seinen Feuilletons in der Neuen Rheinischen Zeitung findet Weerth seine eigentliche literarische und politische Bestimmung: In ihnen verbinden sich literarische und rhetorische Versiertheit (im Anschluß an den von ihm verehrten Heine) mit demokratisch-sozialer Entschiedenheit. Innerhalb nur eines knappen Jahres entsteht ein wesentlicher Teil des Gesamtwerks.

Weerths Stellung innerhalb der Literaturgeschichte wurde in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich beurteilt: War er in Westdeutschland lediglich als Autor von regionaler Bedeutung angesehen, stilisierte ihn die DDR-Germanistik, einem Diktum Engels’ folgend, zum »ersten Dichter des deutschen Proletariats«.


Michael Vogt


Literaturverzeichnis

Werk-, Auswahlausgaben

  • Ausgewählte Werke. Hg. von B. Kaiser. Berlin: Verlag Volk und Welt 1948.
  • Sämtliche Werke in 5 Bänden. Hg. von B. Kaiser. 5 Bde. Berlin [Weimar]: Aufbau Verlag 1956f. [Titelb., Taf., Faks.]
  • Ausgewählte Schriften. Hg. von E: M. Flinker. Bukarest: Espla, Staatsverlag für Kunst und Literatur 1958
  • Gedichte. Prosa. Vorw. von B. Kaiser. Berlin: Aufbau-Verlag 1966. (=Dt. Volksbibl., Sonderreihe) [mit Abb.]
  • Werke in 2 Bänden. Ausgew. und eingel. von B. Kaiser. Weimar: Volksverlag 1963; 3. Aufl. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1974
  • Ausgewählte Werke. Hg. von B. Kaiser. Frankfurt/M.: Insel 1966
  • Gedichte, Prosa, Briefe. Vorw.: U. Binder. Bukarest: Jugendverlag 1969
  • Vergessene Texte. Werkauswahl Nach den Handschr. hg. von J.-W. Goette, J. Hermand und R. Schloesser. 2 Bde. Köln: Leske 1975f.
  • „Nur unsereiner wandert mager durch sein Jahrhundert“. Ein Georg-Weerth-Lesebuch. Hg. u. komment. v. Michael Vogt. Bielefeld: Aisthesis 1996.


Einzelausgaben
  • Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski [Roman]. Hamburg: Hoffmann und Campe 1849. [die 1. Fassung erschien in Fortsetzungen in der Neuen Rhein. Ztg. ab dem 8.8.1848)

  • postum:
  • Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben. Hg. von B. Kaiser. Mit Abb. von W. Klemke. Berlin: Verlag Volk und Wissen 1949. 163S.
  • Das Blumenfest der englischen Arbeiter und andere Skizzen. Mit einem Vorw. von K. Kanzog. Leipzig: Reclam 1954. (=Universal-Bibl.)
  • Englische Reisen. Hg. von B. Kaiser. Mit Abb. von George Cruikshank und J. Leech. Berlin: Rütten und Loening 1954. [enth. auch die Ged.: Ein Sonntagabend auf dem Meere, Mary sowie die Prosabeitr. Die Wohltaten d. Herzogs von Marlborough, Scherzhafte Reisen [Ausz.], Der Aufstand der Tiere und Ein Reise Affenteuer (See-Charivari:)] (Lipp. LB Detmold)
  • Fragment eines Romans. Vorgest. von S. Unseld. Frankfurt/M.: Insel 1965.
  • Blödsinn deutscher Zeitungen und anderes. Ausw. und Nachw. von D. Pforte. Steinbach: Anabas 1970.


Briefwechsel
  • Georg Weerth. Sämtliche Briefe. Hg. u. eingel. v. Jürgen-Wolfgang Goette. 2 Bde. Frankfurt/M./New York: Campus 1989.


Neuere Forschungsliteratur
  • Florian Vaßen: Georg Weerth. Ein politischer Dichter des Vormärz und der Revolution von 1848/49. Stuttgart: Metzler 1971.
  • Georg Weerth. Werk und Wirkung. Hg. v. der Akademie der Wissenschaften der DDR, Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Berlin: Akademie-Verlag 1974.
  • Karl Hotz: Ungleichzeitigkeit und Gleichzeitigkeit im literarischen Vormärz. Stuttgart: Klett 1976.
  • Bernd Füllner (Hg.): Georg Weerth. Neue Studien. Bielefeld: Aisthesis 1988.
  • Uwe Zemke: Georg Weerth. Ein Leben zwischen Literatur, Politik und Handel. Düsseldorf: Droste 1989.
  • Michael Vogt (Hg.): Georg Weerth (1822-1856). Referate des I. Internationalen Georg-Weerth-Colloquiums 1992. Bielefeld: Aisthesis 1993
  • Michael Vogt (Hg:): Georg Weerth und das Feuilleton der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Bielefeld: Aisthesis 1999 (= Vormärz-Studien II].


Personalbibliographien
  • „Georg-Weerth-Bibliographie“. Bearb. v. Ernst Fleischhack. In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 41, 1972, S. 191-227.
  • „Bibliographischer Nachtrag“. Zusammengest. v. Ernst Fleischhack. In: Grabbe-Jahrbuch 1982, S. 151-160.
  • „Georg-Weerth-Bibliographie“ (fortlaufend). In: Grabbe-Jahrbuch, Bearbeiterin: Dr. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen, Lipp. Landesbibliothek, Detmold.


Nachlaß
  • Georg-Weerth-Archiv der Lipp. Landesbibliothek, Hornsche Str. 41, 32756 Detmold.
  • Instituut voor sociale Geschiedenis (IISG) Amsterdam, Cruquiusweg 31, NL-1019 AT Amsterdam.


Literarische Gesellschaft
  • Grabbe-Gesellschaft, Bruchstr. 27, 32756 Detmold, www.grabbe.de
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